Berta-Baltikum26-Tag55


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Freitag, 24.07.2026 – Vilnius

Vom Mittelpunkt Europas bis Traku Voke – 47 km; Stadtrunde Vilnius 10 km

Wetter: Vormittags bewölkt bei 15 Grad, dann zunehmend Aufheiterungen bis 21 Grad, abends Gewitterschauer

Heute stand die Hauptstadt Litauens auf dem Programm. Nach 40 Minuten Fahrt kamen wir am von Xenia ausgesuchten Parkplatz in Vilnius an. Er lag an einer Straße beim Stadion, war nur einen Kilometer vom “Tor der Morgenröte” (Eingang zur Altstadt) entfernt und kostete keine Parkgebühr. Parken im Zentrum von Vilnius ist sehr teuer: 2,50€ pro Stunde sind normal, und das rund um die Uhr an jedem Wochentag. Im Vorfeld hatten wir uns schlau gemacht, dass heute kein Fußballspiel stattfand, und so bekamen wir problemlos einen Parkplatz. Für die Stadtbesichtigung war er prima, zum Schlafen nicht geeignet an der lauten, vielbefahrenen Straße.

Um kurz nach 10 Uhr machten wir uns auf den Weg ins Zentrum. Wir bedauerten die Menschen, die an so einer lauten und vielbefahrenen Straße wohnen mussten. Die Häuser waren zudem ziemlich heruntergekommen.

Das änderte sich mit Passieren des “Tor der Morgenröte”. Es ist das letzte erhaltene Stadttor von Vilnius und beherbergt heute eine Kapelle. Das Tor gilt als wichtiger, konfessionsübergreifender Wallfahrtsort für katholische, orthodoxe und griechisch-katholische Christen. Wir sahen einige Menschen, die sich beim Durchschreiten des Tores bekreuzigten.

Vorbei an der schönen St.-Kasmir-Kirche kamen wir auf den Rathausplatz.

Das Rathaus selbst wurde leider gerade renoviert und war eingehaust. Der Platz machte trotzdem etwas her mit dem Brunnen und den schönen Häusern darum herum. Lustig fanden wir auch die “Portal-Skulptur”, einen großen, freistehenden Kreis aus Beton und Edelstahl. Im Zentrum des Kreises befindet sich ein LED-Bildschirm, der eine Live-Übertragung aus verschiedenen Partnerstädten zeigt. Am oberen Rand des Kreises ist eine Kamera eingebaut, die Passanten in Vilnius filmt und das Bild in Echtzeit an das Gegenstück auf der anderen Seite schickt. Wer uns da wohl gesehen hat? Wir haben jedenfalls freundlich gewunken.

Auf den Stufen des Rathausplatzes stand ein junger Mann mit einem gelben Regenschirm. Xenia vermutete richtig, dass es ein Freewalktour-Guide war. Wir sprachen ihn an und er lud uns zu seiner Tour um 11 Uhr ein, allerdings nur auf Englisch. Es war 10:45 Uhr und wir entschieden uns, die Tour auszuprobieren. Sollten wir Probleme mit dem Verstehen haben, konnten wir die Gruppe ja jederzeit verlassen. Aber die Tour wurde zu einem echten Highlight! Mit dem lokalen Guide Arminas hatten wir einen Glücksgriff getan. Er hatte in Vilnius Journalistik studiert, war ein stolzer Litauer, verfügte über ein enormes geschichtliches Wissen und kannte sich auch in der regionalen Politik gut aus. Er vermittelte interessante Geschichten und Fakten sehr lebendig und humorvoll, immer wieder gewürzt mit lustigen persönlichen Anekdoten. Die Tour ging gute zwei Stunden durch die Altstadt und hat uns sehr gefallen.

Wir kamen durchs jüdische Viertel und sahen Ausgrabungen von Studenten an der alten Synagoge. Wir erfuhren, dass Vilnius über Jahrhunderte hinweg als das „Jerusalem des Nordens“ (oder des Ostens) galt und ein weltweites Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit, Religion und Kultur war. Vor dem Zweiten Weltkrieg machten Juden fast 40 bis 45 Prozent der Stadtbevölkerung aus.

Zunächst kamen wir in einem Hinterhof an einer Statue für die Göttin Meža māte (lettisch für „Waldmutter“) vorbei. Diese Göttin wurde vor der Christianisierung (ca. 1400) angebetet. Sie lebt in den Wäldern und Sümpfen und kann die Form eines jeglichen Lebewesens annehmen. Erst vor Kurzem wurde wohl diese Naturreligion als 10. offizielle Religion in Letland anerkannt.

Einen Zwischenstopp legten wir bei der Basilika Švč. M. Marijos Ramintojos (Kirche der Gottesmutter des Trostes) ein. Während der Sowjetzeit wurde das Gebäude komplett entweiht. Das Kirchenschiff wurde durch Betonböden in drei Stockwerke unterteilt und als Gemüselager für den sowjetischen Staatshandel genutzt. Ein Lastenaufzug wurde mitten durch die Kirche gebaut. Unser Guide erklärte, das die Umwiedmung der einzige Weg war, Kirchengebäude zu erhalten. Ansonsten wären sie abgerissen worden und durch Zweckbauten ersetzt. Heute befindet sich im Erdgeschoss ein Gemeinschaftsraum mit einem kleinen Restaurant, in dem Behinderte arbeiten. Im ersten Stock gibt es Ausstellungsflächen und im oberen Stockwerk einen Kirchenraum unter dem historischen Kuppeldach.

Unser Weg führte uns nun an den Fluss Vilnius zur Uzupis-Brücke, die zum besonderen Stadtteil Uzupis führt. Dieses Künstlerviertel hat sich am 1. April 1997 scherzhaft zur eigenen Republik erklärt – komplett mit eigener Verfassung, Hymne, Flagge, Währung und einer 12-köpfigen Armee. Wir haben es uns später noch genauer angesehen, jetzt war dafür zu wenig Zeit. Das Schild an der Republikgrenze zeigt die Regeln: mann muss immer lächeln, darf nicht schneller als 20 km/h gehen, muss Kunst lieben, und wer dies nicht tut, wird in den Fluss geworfen.

Arminas führte uns weiter zur schönsten Kirche von Vilnius, der Kirche St. Anna und dem direkt anschließenden Bernhardiner-Komplex. Die Kirche ist ein Meisterwerk der Spätgotik. Für die filigrane Fassade wurden 33 verschiedene Backsteinformen verwendet.

Links, die Einrichtung der großen Kirche. Rechts: die Einrichtung der Kirche für die Bendiktiner Mönche.

Nun ging es durch die Literatengasse. Sie ist eine der schmalsten und kreativsten Gassen von Vilnius. Die Außenwände der Häuser sind mit über 200 kleinen Kunstwerken verziert, dazu gehören Kacheln, Keramikplatten, Metallobjekte, Holz- und Glaskunst sowie kleine Skulpturen. Jedes einzelne dieser eingelassenen Kunstwerke ist einem bestimmten Schriftsteller, Dichter, Übersetzer oder Essayisten gewidmet, der eine Verbindung zu Vilnius oder der litauischen Kulturgeschichte hat. Daneben war eine Tattoo-Studio, welches die Schaufenster mit seinen Kunstwerken dekoriert hatte.

Als letzten Punkt der geführten Tour erreichten wir den Dom und den Domplatz. Hier verabschiedete sich Arminas und wurde mit Applaus und Spenden belohnt.

Es war 13 Uhr vorbei und wir hatten Hunger. Wir wählten einen Inder am Rande des Domplatzes und aßen auf seiner Terrasse sehr gut zu Mittag.

Jetzt waren wir auf uns selbst gestellt. Zuerst besichtigten wir den Dom von innen. Arminas hatte uns schon erzählt, dass es eine besonders schöne Kapelle im Dom gäbe, die Kasmir Kapelle. Sie wurde zu Ehren des Schutzpatrons von Vilnius errichtet. Während die Hauptkirche streng klassizistisch gestaltet ist, erstrahlt diese Kapelle in üppigem Frühbarock. Blickfang des Altars ist ein monumentaler, reich verzierter Silbersarg, in dem die Reliquien des Heiligen ruhen.

Vom Dom ist es nicht weit bis an die Neris. Wir gingen ein Stück den Fluss entlang bis zum Zusammenfluss von Neris und Vilnius. Nicht weit von hier hätte es die Möglichkeit gegeben, auf den Burgberg hinauf zu steigen, aber der Weg war gepflastert und das war für Udos immer noch lädierten Fuß zu viel. So umrundeten wir den Burgberg mit dem weithin sichtbaren Gediminas-Turm nur und bogen dafür noch einmal in die Künstlerrepublik Uzupis ab.

Wir waren auf der Suche nach dem Wunderbier-Brunnen, von dem Arminas uns erzählt hatte. Am 1. April, dem offiziellen Nationalfeiertag (Užupis-Tag), geschieht nämlich an einer Wasserstelle unweit des Engels von Užupis ein kleines Wunder: Die Leitungen eines öffentlichen Brunnens werden umgestellt, sodass für die feiernden Bürger und Besucher echtes, kostenloses Bier statt Wasser aus den Hähnen fließt. Man wisse allerdings nie genau, wann dieses Wunder startet, und es dauere erfahrungsgemäß auch nur wenige Minuten, bis es wieder vorbei ist, wusste Arminas.

Wir suchten zuerst an der verkehrten Stelle und gingen zu weit den Berg hinauf. Das hatte aber zur Folge, dass wir an einem Herrenfriseur vorbeikamen, der Udo einen schönen Haarschnitt verpasste.

Den Brunnen haben wir dann auch noch gefunden.

Bei dieser Gelegenheit kamen wir auch an der Verfassung der Republik Užupis vorbei. Sie ist das humorvolle Herzstück des Künstlerviertels und ihre 41 Artikel hängen in über 30 Sprachen als glänzende Metalltafeln an einer Außenwand in der Paupio-Straße.

Die ersten fünf Artikel (alle Artikel) lauten: 1. Ein Mensch hat das Recht, beim Flüsschen Vilnelė zu leben, und das Flüsschen Vilnelė hat das Recht, am Menschen vorbeizufließen. 2. Ein Mensch hat das Recht auf heißes Wasser, Heizung im Winter und ein Ziegeldach. 3. Ein Mensch hat das Recht zu sterben, aber das ist keine Pflicht. 4. Ein Mensch hat das Recht zu irren. 5. Ein Mensch hat das Recht, einzigartig zu sein.

Weiterhin entdeckten wir den Shop an der Grenze zu Letland.

Bevor wir den Rückweg antraten, gingen wir nochmals zur schönen Backsteinkirche St.-Anna und schauten uns diese von innen an.

Nun durchstreiften wir noch das Glasviertel bis zum Rathausplatz, dann ging es wieder zurück zur Berta.

Kurz vor dem Tor der Morgenröte gönnten wir uns noch einen Milchshake in einem kleinen Café.

Um das Tor herum fielen uns viele Leute in gelben oder orangenen T-Shirts auf. Sie schienen auf einen Gottesdienst zu warten. Wir sprachen ein Paar an und erfuhren, dass sie Teilnehmer einer jährlichen 10-tägigen Wallfahrt waren, die in Suwałki in Poilen startete und heute in Vilnius endete. Ca. 500 Menschen hatten teilgenommen und waren täglich 25 bis 35 Kilometer marschiert. Die Route verlief ab dem 6. Tag durch das Kerngebiet der polnischen Minderheit in Litauen und die Pilger wurden von den ansässigen Dorfgemeinschaften verpflegt und privat beherbergt.

Um 18 Uhr waren wir zurück an der Berta, schlossen die Türe hinter uns und glaubten, nicht richtig zu hören: Tropfen fielen aufs Dach. Wir hatten keinen Regen kommen sehen, aber jetzt hörten wir Donnergrollen.

Wir verließen unseren Platz, um an einen ruhigeren Übernachtungsplatz auf dem Weg nach Trakai zu fahren. Auf der Fahrt regnete es ziemlich heftig. Einen Zwischenstopp gab es noch bei einem Lidl, dann beendeten wir den Tag mit einem Abendvesper und weiteren Vilnius-Recherchen auf dem Parkplatz im Schlosspark von Traku Voke.


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