< Mi 01.07.26 - Rummu (Lost Place Gefängnis und Baden), Keila (Wasserfall, Wanderung ans Meer) | zurück | Fr 03.07.26 - Tallinn: Estnisches Seefahrtsmuseum, Hafen für Fähr- und Kreuzfahrtschiffe >
Donnerstag, 02.07.2026 – Rocca al Mare (Estnisches Freilichtmuseum), Tallinn Pikakari
Vom RMK Meremoisa bis Tallinn Pikakari – 42 km
Wetter: Am Morgen ein paar Regentropfen, dann zunehmend auflockernd und sonnig, 21 Grad
Der für heute angesagte Regen zog an uns vorbei. Wir bekamen nur kurz nach dem Aufstehen ein paar Spritzer ab.
Heute wollten wir uns das Estnische Freilichtmuseum Rocca al Mare anschauen. Um 10:30 Uhr waren wir auf dem Parkplatz, aber es dauerte noch 1 Stunde und 45 Minuten, bis wir hineingingen. Grund dafür war, dass wir am Vorabend auf dem RMK Platz nur eine ganz schlechte und langsame Internetverbindung hatten. WhatsApp und den Text fürs Tagebuch hochladen war möglich, aber für die Bilder hat das Netz nicht ausgereicht. So holte Udo das heute auf dem Parkplatz vor dem Freilichtmuseum nach. Xenia verbrachte die Zeit mit Lesen und damit, einen Stadtrundgang durch Tallinn zu aktualisieren.
Um 12:15 Uhr war alles fertig und wir konnten ins Museum. Wir hätten nicht gedacht, dass wir uns über vier Stunden dort aufhalten würden. Aber das Freilichtmuseum ist so toll gemacht, dass wir uns alles anschauen wollten. Unser bisheriges Fazit: Wer nur ein baltisches Freiluftmuseum sehen möchte, der sollte Rocca al Mare bei Tallinn besuchen! Wer einen virtuellen Rundgang machen möchte, kann die App herunterladen und so die Erklärtexte in deutsch anhören: 'NUMUnutimuuseum'
Das erste Haus war ein modernes Holzhaus aus estnischer Serienproduktion, welches einen Preis gewann und jetzt im Museum aufgebaut ist.
Auf dem 79 Hektar großen Museum-Parkgelände befinden sich über 70 historische Gebäude aus verschiedenen Regionen Estlands. 14 voll ausgestattete Höfe, die jeweils aus mehreren Gebäuden (Wohnhaus, Schuppen, Vorratshaus, Stall ...) bestehen, zeigen das Alltagsleben von reichen Großbauern bis hin zu einfachen Fischern.
Alle Höfe waren aufgeteilt in einen 'sauberen' Bereich (rechter Teil des Wohnhauses und Lagerräume) und in einen 'dreckigen' Bereich (linker Teil des Wohnhauses und Ställe, in dem das Vieh war und die Geräte für den Ackerbau). Die Wohnhäuser hatten einen Eingangsbereich (sehr grob, mit Steinboden), wo man den Ofen heizte und sich aufwärmen konnte. Von da aus ging es in die Wohn- und Schlafräume zur einen Seite und in die Scheune (ggf. Ställe) zur anderen Seite.
Auf der sauberen Seite waren auch die Lagerhäuser für Getreide, Milchverarbeitung, Stoffe, Kleidung und sonstige Vorräte.
Kleine Höfe bestanden nur aus einem einzigen, sehr niederen und düsteren Haus. Die armen Familien mussten damit zurecht kommen.
Gebäude, in denen ein Feuer brannte (wie z.B.Saune oder Backhaus) wurden aus Stein und weit weg vom Haupthaus gebaut. In der Sauna wurde auch das Fleisch geräuchert. Auf den einfachen Höfen wurde der Eingangsbereich zur Sauna, indem man kräftig einschürte und Wasser über den Ofen goss.
Auch für Kinder ist das Gelände klasse. Es gibt verschiedene Spieleangebote, Mitmachaktionen und sehr schöne Spielplätze.
Neben den Höfen kamen wir auch an zwei Windmühlen und einer Wassermühle vorbei.
In einem voll funktionsfähigen Dorfladen kauften wir eine Tüte mit Gelee-Konfekt.
Auch an einem Spritzenhaus kamen wir vorbei und lernten, dass die freiwilligen Feuerwehren, mit Unterstützung des Zaren, seit 1930 eingerichtet wurden.
Sehr informativ war die Ausstellung über die Kolchosivierung der estnischen Landwirtschaft um 1949. Ca. 20.000 Bauern, die nicht mitmachten, wurden nach Sibirien deportiert. Danach standen viele Höfe leer. Auch durch den Krieg fehlten die jungen Männer als Arbeitskräfte. Hinzu kamen noch Ungerechtigkeiten und Betrug.
Eine kleine Rast machten wir in einem kleinen Café mit Außenbereich, wo wir uns mit einem Cappuccino und einem Stück frisch gebackenem Kuchen stärkten. Bezahlt haben wir allerdings nicht in alter Währung, sondern mit Kreditkarte.
Beim Weitergehen erfuhren wir, dass die Herrnhuter Brüdergemeine eine fundamentale Rolle in der Geschichte Estlands spielte und den christlichen Glauben, die Alphabetisierung und die Kultur der estnischen Bevölkerung im 18. und 19. Jahrhundert tiefgreifend prägte. Bis heute gilt die Bewegung als ein wichtiger Grundstein der estnischen Identität und man kann auf dem Gelände eine ihrer Kirchen, eine Schule und einen typischen Hof dieser Bewegung erkunden.
Der Versammlungsraum der Herrnhuter.
Eine Kapelle ist heute noch aktiv und wird von einem Tallinner Priester betreut.
In einem besonders bemalten und großen Hof wurde eine Hochzeit dargestellt.
So waren die Höfe und Häuser sehr unterschiedlich - je nach Zeit und Gegend, aus der sie stammten, und ob sie einem Bauern oder einem Fischer gehörten. Alle waren sie schön hergerichtet und erzählten (dank Audio-Guide) ihre Geschichte.
Eine weiter Sache gab uns schon zu denken und bestätigt alle Vorurteile: Ein Hof aus dem Südwesten, aus einer Gegend, in der auch Russen leben, war ein sogenannter Wehrhof. Im Gegensatz zu dem sonst sehr offenen Arrangement der einzelnen Gebäude, war dieser Hof ringsrum geschlossen und wehrte sich so mit dicken Balken gegen ungebetene Gäste.
Eine letzte Attraktion war ein sowjetisches Kolchosen-Wohnhaus, das den ländlichen Alltag in vier Apartments von den 1960er Jahren bis in die 2010er Jahre veranschaulichte. Es war ein aus Kalksteinen gebautes Mehrfamilienhaus, wie man sie hier überall sieht. Darin hatte man vier Wohnungen eingerichtet und die Geschichten dazu erzählt:
1. Die Wohnung einer jungen Melkerin von 1950, die auf der Kolchose gut verdiente und in der Wohnung alleine lebte.
2. Eine Familie mit zwei Kindern aus den 1970ern, die einen gewissen Luxus hatten, die Wohnung aber sehr klein für sie war.
3. Die Wohnung eines Traktorfahrers aus den 1990ern, der mit dem Ende der sowietischen Zeit nicht zurecht kam und seine Sorgen im Alkohol ertränkte. Die Wohnung war heruntergekommen und unordentlich.
4. Die Wohnung eines jungen Paares Anfang 2000er, die die Wohnung renovierten, modern einrichteten und nach und nach andere Wohnungen dazu kauften, um für die Familie einen gemeinsamen Platz zu haben. Die Wohnung wurde stilvoll, modern und mit Möbeln aus dem Internet eingerichtet.
Nachdem wir uns auch dieses Haus noch angeschaut hatten, waren wir ziemlich platt und nicht böse, dass der Ausgang nicht mehr weit war. Um 16:30 Uhr waren wir wieder in der Berta. Obwohl wir neben einer stark befahrenen Straße standen, legten wir uns eine Stunde aufs Ohr.
Wieder erholt nahmen wir das letzte Stück bis Tallinn in Angriff und fuhren durch den Berufsverkehr ans Nordende der Stadt an den Pikakari-Strand, wo wir gegenüber dem Fährhafen einen Parkplatz mit Meerblick bekamen.
Jetzt hatten wir aber Hunger! Xenia kochte Gnocchi mit deftigen Würstchen, Barbecue-Bratensoße und Salat. Wir hatten die Berta neben einen Landsmann aus der Berliner Gegend gestellt. Dieser kam uns besuchen, als wir gerade fertig mit Essen waren. Er erzählte, dass er schon vier Jahre unterwegs sei und nur hin und wieder kurze Besuche zuhause macht, um wieder einmal Motorrad zu fahren und die Kinder zu besuchen.
Zum Abschluss des Tages gingen wir noch vor an den Strand und schauten uns ein bisschen die Umgebung an, in der wir standen.
Gegenüber lag eine Kreuzfahrtschiff, das kurz vor Mitternacht den Hafen verließ.





































