Gesamtes Urlaubstagebuch - Baltikum Rundreise - 01.06.2026
Montag, 20.07.2026 – Luban See, Preili Puppenmuseum (Lellu karalvasts), Daugavpils
Von Schloss Stromersee bis Daugavpils – 204 km
Wetter: vormittags zuerst noch heiter, dann bewölkt mit kräftigen Schauern, abends wieder sonnig - 18 Grad
Am Vormittag schien zuerst noch die Sonne, daher machten wir vor der Weiterfahrt noch einmal einen Besuch beim Schloss, das im Sonnenschein noch schöner aussah als am Abend zuvor.
Der nächste Punkt im Routenplan war der Luban-See. Doch da der Wetterbericht für heute Regen vorhersagte, stellte sich uns die Frage, ob es sich überhaupt lohnte, den See anzufahren. Wir entschieden trotz Wetterprognose dafür und wollten am See weiter entscheiden, wie lange wir dort bleiben und was wir unternehmen. Die von Xenia ursprünglich geplante 50 Kilometer lange Radtour um den See würde wohl eher nicht möglich sein.
So gaben wir das Besucherzentrum am nördlichen Ende des Sees in maps ein und fuhren um 9:15 Uhr los, ohne die Strecke näher in Augenschein zu nehmen. Das sollte sich als Fehler erweisen! Erst als maps uns auf die erste Schotterstraße führte, realisierten wir, dass wir wohl auf dem kürzesten Weg an unser Ziel waren, die Strecke aber quer durchs Land auf kleinen Nebenstraßen ging – und diese sind im Baltikum oft noch Schotterpisten. Zum Umdrehen waren wir schon zu weit gefahren (dachten wir zumindest), daher fuhren wir weiter.
Die Fahrt sollte zum speziellen Lettland-Erlebnis werden. Statt einer Stunde waren wir über zweieinhalb Stunden unterwegs, davon zwei Stunden auf Schotter. Udo konnte streckenweise nur 20 km/h fahren, dann auch wieder etwas schneller, aber nie über 35 km/h. Kam uns ein Auto entgegen, wurden wir komplett eingestaubt, denn geregnet hatte es bisher noch nicht.
So holperten wir durchs weite Land, bis wir endlich am See ankamen. Und was erwartete uns dort? Eine Teerstraße. Sie hörte genau dort auf, wo wir ankamen, nämlich am Besucherzentrum des Luban-Sees. Bis ganz vor an den See konnten wir nicht fahren, da dort eine Baustelle war. Nach ein paar Minuten kam ein junges Mädel um die Ecke und schloss das Besucherzentrum auf, das eigentlich schon seit 9 Uhr hätte offen sein müssen. Sie hatte uns wohl kommen gesehen. Auf Xenias Frage, wo wir uns hinstellen können, verwies sie auf etwas südlichere Rastplätze am See, die wir von Süden kommend auf einer befestigten Straße hätten gut erreichen können. Zumindest mussten wir keinen Weg doppelt fahren, als wir uns dorthin auf den Weg machten.
Der Luban-See ist ziemlich verschilft und zugewachsen. Das Wasser lädt auch nicht gerade zum Baden ein, es ist leicht grünlich-bräunlich. Die Plätze am See waren ganz nett, mit kleinen Häuschen und Toiletten. Trotz des trüben Wetter hätten wir uns gerne ein bisschen an den See gesetzt, aber das war nicht möglich: alles voller Bremen! Wir schafften es kaum, die Autotüre zu öffnen und das Fliegengitter vorzuziehen, ohne dass welche hereinkamen. Wir machten uns einen Kaffee mit einem Stück Kuchen, das wir noch von der Pfandrückgabe hatten. Am Fliegengitter saßen dabei acht Bremen.
Einen kurzen Gang vor zum See machten wir trotzdem, dann fuhren wir etwas frustriert weiter. Das hatte die beschwerliche Anfahrt nicht gelohnt! Froh und dankbar waren wir nur, dass die Berta die Tortur heil überstanden hatte.
Der nächste Punkt auf Xenias Reiseplanung war Daugavpils, aber bis dahin war es noch ein gutes Stück. So recherchierten wir auf der Karte, ob es nicht auf dem Weg noch etwas zu entdecken gäbe, das man auch bei Regen machen kann. Dieser war nämlich nicht mehr weit. Udo wurde in Preili fündig. Dort war als ein Ausflugsziel das “Puppet Kingdom” eingezeichnet. Die Bilder dazu sahen sehr cool aus. Wir befragten die KI nach der Beschaffenheit der Straße dorthin und sie versprach, dass die gesamte P58 befestigt sei. So wagten wir diesen Weg nach Daugavpils und wurden nicht enttäuscht.
Ein paar Kilometer vor Preili begann es zu schütten. Wir waren beide ziemlich müde und beschlossen daher, uns vor der Puppenausstellung noch ein bisschen hinzulegen. Udo fuhr in einem kleinen Ort ein Stück von der Hauptstraße ab und wir fanden gleich einen ebenen Platz, wo wir die Berta parken konnten. Der Regen prasselte aufs Dach, aber uns ging es gut dabei in unseren Betten und wir schliefen fast eine Stunde. Danach war der Regen vorbei und wir fuhren das letzte Stück nach Preili.
Das kleine Städtchen ist schon etwas Besonderes. Viele kleine, nette Häuschen und Läden, eine großartige Kirche und eben besagtes Puppenmuseum.
Die Ausstellung der lettischen Künstlerin Jeļena Mihailova hat uns sehr begeistert und beeindruckt. Zu sehen gab es über 300 kunstvolle, handgefertigte Puppen. Jede Figur hat ihren eigenen Charakter, einen speziellen Gesichtsausdruck, ein besonderes Kostüm und eine eigene Geschichte – von Fabelwesen, Prinzessinnen, Königen, Zwergen und Kobolden über historische Gestalten bis hin zu Alltagsfiguren. Jede Puppe ist ein Unikat.
Als Einführung in die Ausstellung wurde uns ein Film über die Künstlerin und ihr Werk gezeigt, das internationale Anerkennung genießt. Einige berühmte Persönlichkeiten, unter ihnen auch der lettischen Staatspräsident Valdis Zatlers, haben das Museum schon besucht oder besitzen Puppen der Künstlerin.
Vor der Puppenausstellung gibt es einen Raum, wo man sich in verschiedenen Kulissen fotografieren kann. Das hat uns ebenfalls viel Spaß gemacht. Auf die Möglichkeit, uns zu verkleiden und in verschiedenen Kostümen zu posieren, haben wir verzichtet.
Nach diesem schönen und interessanten Museumsbesuch machten wir einen kleinen Spaziergang durchs Viertel und fuhren anschließend weiter nach Daugavpils.
Dort machten wir einen kurzen Stopp vor der schönen russisch-orthodoxen Kathedrale Boris und Gleb.
Dann steuerten wir den ausgesuchten Übernachtungsparkplatz in der Nähe der Innenstadt an. Direkt beim Parkplatz befindet sich ein kleiner See mit einem Skateplatz und einem Klangpark.
Wir machten noch einen Spaziergang durch die Fußgängerzone und aßen dort in einem Restaurant zu Abend. Der Himmel putzte sich wieder heraus und auf dem Rückweg zur Berta schien die Sonne.
Dienstag, 21.07.2026 – Daugavpils Zarenfestung, Zarasai, Lusiai-See bei Paluse (Aukstaitijos Nationalpark)
Von Daugavne bis Paluse – 113 km, Zarenfestungsrunde 3,5 km, Zarasairunde 4 km
Wetter: vormittags sonnig, dann zunehmend bewölkt und Regen, abends wieder Sonne – 18 Grad
Wir erwachten bei Sonnenschein. Heute wollten wir in Daugavne die Zarenfestung erkunden. Um Udos Fuß etwas zu schonen, gingen wir nicht direkt vom Parkplatz los, sondern fuhren mit der Berta zur Festung.
Eigentlich wollten wir auf einem Parkplatz außerhalb der Festung parken, da die Eingangstore nicht hoch genug für uns waren, um hindurchfahren zu können. Doch die ersten Parkplätze waren alle PKW-Plätze, dann fuhr Udo aus Versehen an einem Platz vorbei und so bogen wir ein Stück weiter notgedrungen zur Festung ab, weil wir inzwischen zu weit von ihr entfernt waren. Wie es der Zufall wollte, hätten wir keinen besseren Weg nehmen können, denn wir trafen genau auf den einen LKW-Zugang ins Festungsinnere, der ohne Tor war. So konnten wir hineinfahren und drinnen parken. Parkplätze gab es dort genug.
Die Festung hat uns stark an die Ulmer Festung erinnert. Erbaut wurde die über 150 Hektar große Anlage ab dem Jahr 1810 durch das russische Zarenreich, um die Westgrenze gegen die herannahende Armee Napoleons zu verteidigen. Heute ist sie teilweise wieder bewohnt. Wir sahen baufällige Gebäude und Ruinen neben restaurierten schönen Gebäuden. Die schönsten waren das Kommandantenhaus und das Arsenalgebäude, in dem heute das Rothko Museum untergebracht ist. Dieses haben wir aber nur von außen angeschaut, da uns die Bilder des in Daugavpils geborenen Malers Mark Rothko nicht so interessiert haben. Da fehlt uns einfach das Kunstverständnis.
| 3 Stadien der Renovierung: Urzustand, in Arbeit und fertig renoviert. |
In einem Mini-Lädle, das stark an russischen Tante-Emma-Laden erinnerte, kauften wir uns zwei süße Stückle, ein Päckchen Nudeln und etwas Ähnliches wie Maultaschen.
Die süßen Stückle verzehrten wir nach der Besichtigungsrunde gleich am Ufer der Düna. Trotz Sonnenschein war es ziemlich frisch, aber sehr schön.
Nun ging unsere Fahrt weiter über die Grenze nach Zarasai. Wieder mussten wir einem baltischen Land Lebewohl sagen. Diesmal wurden wir an der litauischen Grenze angehalten und heraus gewunken. Eine litauische Polizeibeamtin warf einen Blick in die Berta und wünschte uns dann eine gute Reise. Papiere wollte sie keine sehen.
Zarasai empfing uns freundlich, die Sonne schien und wir parkten am Zarasas-See, direkt bei der Brücke zur kleinen Insel. Wir verzichteten auf einen Rundgang um die Insel, überquerten nur die Brücke zum kleinen Strand und den Wasseranlagen und hatten von dort einen sehr schönen Blick über den See mit seinem Springbrunnen.
Anschließend gingen wir am Zarasas-Ufer entlang bis zum Observation Circle und durch die Stadt wieder zurück zur Berta.
Kurz überlegten wir, ob wir noch baden gehen, denn neben unserem Parkplatz war direkt ein Einstieg in den See. Wir machten es dann doch nicht, da es uns etwas zu kalt dafür war. Der Himmel hatte sich inzwischen ziemlich bewölkt und es hatte nicht mehr als 16 Grad. Da zogen wir eine Mittagspause in der Berta vor.
Um 15 Uhr fuhren wir weiter nach Paluse im Nationalpark Aukstaitijos. Noch in Zarasai begann es zu regnen und der Regen begleitete uns bis Paluse. Dort stellten wir uns auf einen schönen Parkplatz direkt am See. Wir hatten Hunger und überbrückten die Zeit, bis der Regen aufhörte, mit Kochen und Essen. Es gab die lettischen Maultaschen, angebraten mit Ei, Paprika und Käse, dazu einen Rest Salat mit ein paar Tomaten und Gurken. Was wir tatsächlich gegessen hatten, konnten wir auch im Internet nicht recherchieren. Es hat aber gut geschmeckt – wie Maultaschenfüllung eingerollt in einen Pfannenkuchenteig.
Um 18 Uhr hörte der Regen auf, die Sonne kam wieder hervor und es wurde gleich wärmer. Xenia entschied sich für ein Bad im See, Udo kam ein paar Minuten später nach. Das Wasser war nicht sehr kalt, sauber und klar. Ein paar kleine Fische schwammen in Ufernähe und zwei Enten mit ihren Jungen gab es auch, die sich aber durch uns nicht stören ließen. Um auch die Haare noch waschen zu können, duschten wir nach dem Seebaden in der Berta. Waren wir beim Essen noch allein auf dem Platz gewesen, füllte er sich bei dem schönen Wetter zunehmend. Es war aber auch herrlich am See!
Um 19 Uhr verließen wir den schönen Parkplatz und fuhren 1,5 Kilometer weiter auf einen kleinen Zeltplatz, auf dem man übernachten darf. In den Nationalparks ist das immer ein bisschen kritisch. Auf dem Zeltplatz waren schon einige Wohnmobile und wir waren froh, noch einen Platz zwischen ihnen zu ergattern. Hier war es viel weniger schön als vorne am See, aber es ging schon für die Nacht, und es war vor allem erlaubt.
Mittwoch, 22.07.2026 – Aukstaitijos Nationalpark
Im Nationalpark – 37 km; Wanderung 7,2 km, Abendspaziergang 2,5 km
Wetter: bewölkt, später Auflockerungen und kurze Sprühschauer – 17 Grad
Der vorhergesagte Regen um 7 Uhr blieb aus. Das machte Mut!
Da wir sehr eingekeilt zwischen zwei anderen Wohnmobilen standen, machte Udo den Vorschlag, auf unseren alten Parkplatz zurückzufahren und dort zu frühstücken. Das wäre ein guter Plan gewesen, wenn dort nicht gerade Gartenarbeiter ihre Rasentrimmer von einem Lastwagen abgeladen hätten und kurz darauf anfingen, begleitet von einem mords Lärm von gleichzeitig 3 Motorsensen, das Gras in unserer Nachbarschaft zu mähen. So packten wir wieder zusammen und fuhren ein paar hundert Meter weiter auf den Parkplatz des Besucherzentrums. Dort gab es dann endlich Frühstück.
Da wir nun einmal direkt davor standen, gingen wir um 9:15 ins Besucherzentrum. Eine freundliche Dame kam uns entgegen und meinte bedauernd, dass sie Stromausfall hätten und daher auch keine Beleuchtung im Ausstellungsraum. Wir könnten uns trotzdem umschauen, wenn wir das wollten. Das taten wir, zumindest im vorderen Bereich, der noch Fenster hatte.
Wir kamen mit ein paar Sachsen ins Gespräch, die kurz nach uns kamen. Wir hatten uns noch nicht lange unterhalten, da erschien eine weitere sehr freundliche Angestellte und bat uns, unsere Unterhaltung nach draußen zu verlegen. Sie müssten leider schließen. Bevor wir gingen, bekamen wir von ihr noch einen Plan vom Park mit eingezeichneten Zeltplätzen und die Auskunft, dass wir auf jedem offiziellen Parkplatz übernachten dürften, sofern wir nicht campen. Das ginge auch, aber nur auf den Zelt- oder Campingplätzen. Das war uns natürlich eine sehr nützliche und entspannende Info. Außerdem informierte sie uns darüber, dass am kommenden Tag im Besucherzentrum des Nachbarparks Labanoras ein Musikertreffen mit traditionellen Musikinstrumenten stattfinden würde. Das interessierte uns!
Doch zunächst mussten wir entscheiden, was wir mit dem heutigen Tag und dem sehr wechselhaft vorhergesagten Wetter anfangen wollten. Sehr gerne hätten wir eine Radtour gemacht, aber das war uns doch zu riskant. Die Gefahr, in einen Regenguss zu kommen, war uns zu groß. So beschlossen wir, den ersten Teil der geplanten Tour mit dem Auto zu fahren, drei Highlights auf einer Wanderung abzulaufen und das vierte Highlight, einen Aussichtsturm, wieder mit der Berta anzufahren.
Das war eine gute Entscheidung. Wider Erwarten erreichten wir den Parkplatz zum Start der Wanderung auf einer asphaltierten Straße. Ausgerüstet mit Regencapes und Schirmen, die wir zum Glück brauchten, ging es los.
Die Wanderung startete gleich mit Treppen hinauf auf den Burghügel Ginuciai. Dort stand vom 11. bis zum 15. Jahrhundert die anfangs hölzerne Burg Linkmenai. Von ihr ist allerdings nichts mehr übrig. Was blieb ist ein schöner Blick von einer Aussichtsterrasse auf die umliegenden Seen Linkmenas und Asalnai.
Weiter ging der Pfad auf dem Bergrücken zum Aussichtspunkts Ladakalnis, einer historische Opferstätte, von der aus wir einen Panoramablick über die schöne Natur des Nationalparks und sechs seiner Seen hatten.
Unser Wanderziel war das ethnographische Dorf Salos II. Es gilt als architektonisches Denkmal, da es die historische Struktur und die Holzbauweise eines traditionellen „haufenförmigen“ Dorfes aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert bewahrte.
Nach dem Rundblick vom Ladakalnis machten wir uns auf den Weg dorthin. Wir waren so in ein Gespräch vertieft, dass wir an einer Wegabzweigung vorbeigingen, die wir eigentlich hätten nehmen sollen. Bis wir es merkten, waren wir schon 600 Meter weitergegangen, die wir wieder zurück mussten.
In Salos angekommen, schlenderten wir ein bisschen durch die wenigen Häuser und setzten uns dann auf eine schöne Bank auf einem Holzsteg am See. Das Dorf soll teilweise noch bewohnt sein. Wir haben niemanden gesehen, aber ein Hund hat gebellt, als wir auf der Bank am See saßen. Dort gab es ein paar Tuc-Kekse und zwei Schokoriegel, während wir wieder einmal das Sein übten.
Der Himmel begann sich aufzumachen, ab und zu kam die Sonne hervor, aber dann zogen auch wieder kurze Sprühschauer über uns hinweg. Sie waren immer nur kurz und so schwach, dass wir nicht einmal die Regenjacken anzogen. Aber sie begleiteten uns den ganzen Rückweg.
Zurück gingen wir nicht mehr über den Bergrücken und die Aussichtspunkte, sondern blieben auf einem kleinen Pfad unten am See. Das allerletzte Stück mussten wir auf der kaum befahrenen Landstraße marschieren.
Wir hatten gerade die Türe der Berta zugemacht, als es zu Prasseln anfing. Damit hatten wir nun wirklich nicht gerechnet, aber es zog ein kurzer, aber heftiger Schauer über uns hinweg. Er dauerte keine 10 Minuten, aber eine Frau, die in der Nähe der Straße Himbeeren gesammelt hatte, kam tropfnass zu ihrem Auto zurück.
Nun fuhren wir weiter zum Šiliniškių Aussichtsturm (Bičiulių apžvalgos bokštas). Auf dem Weg dorthin startete Udo einen Versuch, einen kleinen Zeltplatz an einem See anzufahren. Er musste das Unterfangen allerdings abbrechen, als der Waldweg dorthin nicht nur sehr schmal, sondern auch noch sandig wurde. Zudem ging es leicht bergab. Wir waren froh, als wir aus dieser Gasse wieder heraus waren, ohne stecken- oder hängengeblieben zu sein.
Der Aussichtsturm ließ ich wieder gut anfahren. Beim Šiliniškių handelt es sich um einen 60 Meter hohen Telekommunikationsmasten. Auf einer Höhe von 30 Metern hat er eine frei zugängliche Aussichtsplattform, von der aus man eine wunderschöne Sicht übers Land und die Seen hat. So haben sich die 174 Stufen, die wir hinaufsteigen mussten, doch gelohnt.
Nun hatten wir alle Punkte für heute “abgearbeitet” und fuhren zurück nach Paluse zum Seeparkplatz. Es war jetzt 15 Uhr, der Himmel hatte sich zugezogen und Schauer überquerten das Land. Zudem windete es kräftig.
Wir machten erst einmal Essen (Grießbrei mit einer Honigmelone) und anschließend Pause in der Berta. Um 18 Uhr waren die Schauer vorbei und es kam tatsächlich noch einmal die Sonne heraus. Nach einem Abendvesper machten wir zum Tagesabschluss einen schönen Abendspaziergang vom Parkplatz aus am Seeufer entlang.
Donnerstag, 23.07.2026 – Gas und Sprit in Ignalina, “Labanoro dudos duduos”, geographischer Mittelpunkt Europas
Von Paluse bis zum Mittelpunkt Europas – 102 km
Wetter: vormittags bewölkt mit Sprühregenschauern, ab mittags Auflockerungen, immer wieder kurze Schauer – 18 Grad
Obwohl es am Morgen nur 15 Grad hatte, starteten wir den Tag mit einem Bad im See. Es bot ich einfach an und wir hatten den jetzt wieder ganz glatten See für uns allein. Kalt war es schon, aber schön! Umso besser mundete der heiße Kaffee zum Frühstück.
Heute wollten wir um 15 Uhr in Labanoras sein, aber bis dahin blieb uns noch viel Zeit. Auf eine Wanderung im Sprühregen hatten wir keine Lust. So nutzten wir den Vormittag, um vier Kilometer zurück nach Ignalina zu fahren und dort zu versuchen, Gas für unsere leere Flasche zu bekommen. Vielleicht würde die zweite Flasche, die wir seit einer Woche in Gebrauch hatten, bis zuhause reichen – vielleicht aber auch nicht. Wir wollten es lieber nicht darauf ankommen lassen.
Die KI nannte uns zwei Gasversorger in Ignalina, die Flaschen auffüllen. Ein Flaschentausch kam nicht in Frage, da sie hier andere Flaschentypen als in Deutschland haben.
Beide KI-Adressen erwiesen sich als Flop. Wir fanden nicht einmal die Firmengebäude. Aber dafür trafen wir auf eine Tankstelle mit LPG, an der man uns erlaubte, die Flasche selbst zu befüllen. Eigentlich ist das im Baltikum verboten, aber wenn man (wie wir) einen Adapter dabei hat, drücken manche Tankstellenbetreiber ein Auge zu. So war es auch hier. Nachdem Udo bei einer Frau, die Gas in ihr Auto tankte, zugeschaut hatte, konnte er den Automaten bedienen und unsere Flasche befüllen. Damit waren wir jetzt mit Gas ausgestattet für den Rest des Urlaubs und mussten uns darüber keine Gedanken mehr machen. Auch Diesel konnte die Berta gebrauchen, und so war diese Tankstelle ein voller Erfolg.
Wir fuhren zurück nach Paluse und stellten uns auf den Parkplatz des Besucherzentrums. Heute gab es hier Strom! Aber bevor wir uns die Ausstellung anschauten, gingen wir den Hügel hinauf zur Holzkirche St. Joseph. Sie gilt als die älteste erhaltene Holzkirche des Landes. Der markante, im Jahr 1800 separat errichtete Holzturm ist einzigartig in ganz Litauen. Seine Form erinnert stark an die Wachtürme alter litauischer Holzburgen. Über der Haupttür der Kirche steht: „Komm gut, geh besser“. Die Legende und historische Berichte besagen, dass die Kirche nur mit einer Axt und Holzzapfen errichtet wurde, komplett ohne eiserne Nägel oder Sägen. Wir haben allerdings einige Eisenbeschläge an Türen und Fenstern gesehen. Das Innere hat uns sehr gut gefallen. Wir hatten es nicht so prunkvoll erwartet. An einigen Stellen war die Wand ein bisschen abgeschabt und man konnte erkennen, dass sich unter dem Anstrich alte Gemälde befinden.
Nun gingen wir ins Besucherzentrum und schauten uns dort eine ganze Reihe von Filmen über den Aukstaitijos-Nationalpark an: seine Geschichte, seine Flora und Fauna und wie die Menschen sich hier im Winter mit Eisfischen ernährt haben. Die Filme waren auf Litauisch, aber mit englischen Untertiteln.
Nachdem wir uns eine ganze Zeit in der Ausstellung aufgehalten hatten, gingen wir wieder in die Berta und Xenia kochte Hähnchengeschnetzeltes mit Reis. Im Anschluss reichte die Zeit gerade noch für 30 Minuten Mittagspause, dann brachen wir auf nach Labanoras.
Der Labanoro-Regionalpark ist der Nachbarpark des Aukstaitijos Nationalparks. So dauerte es nur eine halbe Stunde, bis wir am dortigen Besucherzentrum ankamen. Es war 14:50 Uhr und alle Parkplätze waren belegt. Udo fand gerade noch einen letzten Platz vor einer Wirtschaft.
Der Raum im Besucherzentrum war nicht groß und schon gut besucht. Jetzt waren wir aber gespannt auf „Labanore Labanoro dūdos dūduoja!“ (auf Deutsch etwa: „In Labanoras ertönen die Labanoras-Dudelsäcke!“). Dieses kulturelle Musikfest findet einmal jährlich statt und wird ausgerichtet von den Ethno-Musikkursen der Region Aukstaitija.
Zuerst lernten wir den Dudelsackspieler und Buchautor Gvidas Kovėra kennen. Nach einem Dudelsack-Vortragsstück stellte er sein Buch „Dūdmaišis Lietuvoje“ („Der Dudelsack in Litauen“) vor. Anschließend folgte das Abschlusskonzert der Kursteilnehmer. Wir hörten neben den Dudelsäcken, die auch von Zimbeln und kleinen Trommeln begleitet wurden, Hackbretter, Geigen und Harmonikas. Manchmal wurde auch dazu gesungen. Die Folkloremusik ließ schnell eine gute Stimmung im Publikum aufkommen. Teilweise wurde geklatscht, mitgesungen oder sogar getanzt. Auch wenn wir die Wortbeiträge nicht verstehen konnten, hat uns das Ganze sehr gut gefallen. Es war ein Stück Litauen, wie es wahrscheinlich die wenigsten Touristen erleben.
Als das Konzert zu Ende war und sich die Musiker zu Gruppenfotos aufstellten, gingen wir wieder und kehrten noch in dem kleinen Restaurant ein, vor dem die Berta stand. Xenia aß Buchweizenküchle mit Steinpilzsoße, Udo gefüllte Teigtaschen in Brennnesselsoße. Alles war frisch zubereitet und wir konnten auf der Terrasse sitzen.
Um 17:30 Uhr verließen wir Labanoras und fuhren eine Stunde in Richtung Vilnius bis zum geographischen Mittelpunkt Europas in der Nähe des Dorfes Purnuskes. Wissenschaftler des Französischen Nationalinstituts für Geografie errechneten diesen Punkt im Jahr 1989 als Flächenschwerpunkt des Kontinents.
Wir spazierten ein kurzes Stück bis zum Mittelpunkts-Denkmal, einer weißen Granitsäule mit einer Krone aus goldenen Sternen, die 2004 anlässlich des EU-Beitritts Litauens errichtet wurde. Vor ihr befindet sich ein großer Kompass auf dem Fußboden und der Flaggenplatz mit 28 Flaggen: eine für die EU, die anderen für die Mitgliedsstaaten.
Das Ganze war schnell angeschaut. Wir gingen zurück zur Berta und konnten den Parkplatz zum Übernachten nutzen.
Freitag, 24.07.2026 – Vilnius
Vom Mittelpunkt Europas bis Traku Voke – 47 km; Stadtrunde Vilnius 10 km
Wetter: Vormittags bewölkt bei 15 Grad, dann zunehmend Aufheiterungen bis 21 Grad, abends Gewitterschauer
Heute stand die Hauptstadt Litauens auf dem Programm. Nach 40 Minuten Fahrt kamen wir am von Xenia ausgesuchten Parkplatz in Vilnius an. Er lag an einer Straße beim Stadion, war nur einen Kilometer vom “Tor der Morgenröte” (Eingang zur Altstadt) entfernt und kostete keine Parkgebühr. Parken im Zentrum von Vilnius ist sehr teuer: 2,50€ pro Stunde sind normal, und das rund um die Uhr an jedem Wochentag. Im Vorfeld hatten wir uns schlau gemacht, dass heute kein Fußballspiel stattfand, und so bekamen wir problemlos einen Parkplatz. Für die Stadtbesichtigung war er prima, zum Schlafen nicht geeignet an der lauten, vielbefahrenen Straße.
Um kurz nach 10 Uhr machten wir uns auf den Weg ins Zentrum. Wir bedauerten die Menschen, die an so einer lauten und vielbefahrenen Straße wohnen mussten. Die Häuser waren zudem ziemlich heruntergekommen.
Das änderte sich mit Passieren des “Tor der Morgenröte”. Es ist das letzte erhaltene Stadttor von Vilnius und beherbergt heute eine Kapelle. Das Tor gilt als wichtiger, konfessionsübergreifender Wallfahrtsort für katholische, orthodoxe und griechisch-katholische Christen. Wir sahen einige Menschen, die sich beim Durchschreiten des Tores bekreuzigten.
Vorbei an der schönen St.-Kasmir-Kirche kamen wir auf den Rathausplatz.
Das Rathaus selbst wurde leider gerade renoviert und war eingehaust. Der Platz machte trotzdem etwas her mit dem Brunnen und den schönen Häusern darum herum. Lustig fanden wir auch die “Portal-Skulptur”, einen großen, freistehenden Kreis aus Beton und Edelstahl. Im Zentrum des Kreises befindet sich ein LED-Bildschirm, der eine Live-Übertragung aus verschiedenen Partnerstädten zeigt. Am oberen Rand des Kreises ist eine Kamera eingebaut, die Passanten in Vilnius filmt und das Bild in Echtzeit an das Gegenstück auf der anderen Seite schickt. Wer uns da wohl gesehen hat? Wir haben jedenfalls freundlich gewunken.
Auf den Stufen des Rathausplatzes stand ein junger Mann mit einem gelben Regenschirm. Xenia vermutete richtig, dass es ein Freewalktour-Guide war. Wir sprachen ihn an und er lud uns zu seiner Tour um 11 Uhr ein, allerdings nur auf Englisch. Es war 10:45 Uhr und wir entschieden uns, die Tour auszuprobieren. Sollten wir Probleme mit dem Verstehen haben, konnten wir die Gruppe ja jederzeit verlassen. Aber die Tour wurde zu einem echten Highlight! Mit dem lokalen Guide Arminas hatten wir einen Glücksgriff getan. Er hatte in Vilnius Journalistik studiert, war ein stolzer Litauer, verfügte über ein enormes geschichtliches Wissen und kannte sich auch in der regionalen Politik gut aus. Er vermittelte interessante Geschichten und Fakten sehr lebendig und humorvoll, immer wieder gewürzt mit lustigen persönlichen Anekdoten. Die Tour ging gute zwei Stunden durch die Altstadt und hat uns sehr gefallen.
Wir kamen durchs jüdische Viertel und sahen Ausgrabungen von Studenten an der alten Synagoge. Wir erfuhren, dass Vilnius über Jahrhunderte hinweg als das „Jerusalem des Nordens“ (oder des Ostens) galt und ein weltweites Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit, Religion und Kultur war. Vor dem Zweiten Weltkrieg machten Juden fast 40 bis 45 Prozent der Stadtbevölkerung aus.
Zunächst kamen wir in einem Hinterhof an einer Statue für die Göttin Meža māte (lettisch für „Waldmutter“) vorbei. Diese Göttin wurde vor der Christianisierung (ca. 1400) angebetet. Sie lebt in den Wäldern und Sümpfen und kann die Form eines jeglichen Lebewesens annehmen. Erst vor Kurzem wurde wohl diese Naturreligion als 10. offizielle Religion in Letland anerkannt.
Einen Zwischenstopp legten wir bei der Basilika Švč. M. Marijos Ramintojos (Kirche der Gottesmutter des Trostes) ein. Während der Sowjetzeit wurde das Gebäude komplett entweiht. Das Kirchenschiff wurde durch Betonböden in drei Stockwerke unterteilt und als Gemüselager für den sowjetischen Staatshandel genutzt. Ein Lastenaufzug wurde mitten durch die Kirche gebaut. Unser Guide erklärte, das die Umwiedmung der einzige Weg war, Kirchengebäude zu erhalten. Ansonsten wären sie abgerissen worden und durch Zweckbauten ersetzt. Heute befindet sich im Erdgeschoss ein Gemeinschaftsraum mit einem kleinen Restaurant, in dem Behinderte arbeiten. Im ersten Stock gibt es Ausstellungsflächen und im oberen Stockwerk einen Kirchenraum unter dem historischen Kuppeldach.
Unser Weg führte uns nun an den Fluss Vilnius zur Uzupis-Brücke, die zum besonderen Stadtteil Uzupis führt. Dieses Künstlerviertel hat sich am 1. April 1997 scherzhaft zur eigenen Republik erklärt – komplett mit eigener Verfassung, Hymne, Flagge, Währung und einer 12-köpfigen Armee. Wir haben es uns später noch genauer angesehen, jetzt war dafür zu wenig Zeit. Das Schild an der Republikgrenze zeigt die Regeln: mann muss immer lächeln, darf nicht schneller als 20 km/h gehen, muss Kunst lieben, und wer dies nicht tut, wird in den Fluss geworfen.
Arminas führte uns weiter zur schönsten Kirche von Vilnius, der Kirche St. Anna und dem direkt anschließenden Bernhardiner-Komplex. Die Kirche ist ein Meisterwerk der Spätgotik. Für die filigrane Fassade wurden 33 verschiedene Backsteinformen verwendet.
| Links, die Einrichtung der großen Kirche. Rechts: die Einrichtung der Kirche für die Bendiktiner Mönche. |
Nun ging es durch die Literatengasse. Sie ist eine der schmalsten und kreativsten Gassen von Vilnius. Die Außenwände der Häuser sind mit über 200 kleinen Kunstwerken verziert, dazu gehören Kacheln, Keramikplatten, Metallobjekte, Holz- und Glaskunst sowie kleine Skulpturen. Jedes einzelne dieser eingelassenen Kunstwerke ist einem bestimmten Schriftsteller, Dichter, Übersetzer oder Essayisten gewidmet, der eine Verbindung zu Vilnius oder der litauischen Kulturgeschichte hat. Daneben war eine Tattoo-Studio, welches die Schaufenster mit seinen Kunstwerken dekoriert hatte.
Als letzten Punkt der geführten Tour erreichten wir den Dom und den Domplatz. Hier verabschiedete sich Arminas und wurde mit Applaus und Spenden belohnt.
Es war 13 Uhr vorbei und wir hatten Hunger. Wir wählten einen Inder am Rande des Domplatzes und aßen auf seiner Terrasse sehr gut zu Mittag.
Jetzt waren wir auf uns selbst gestellt. Zuerst besichtigten wir den Dom von innen. Arminas hatte uns schon erzählt, dass es eine besonders schöne Kapelle im Dom gäbe, die Kasmir Kapelle. Sie wurde zu Ehren des Schutzpatrons von Vilnius errichtet. Während die Hauptkirche streng klassizistisch gestaltet ist, erstrahlt diese Kapelle in üppigem Frühbarock. Blickfang des Altars ist ein monumentaler, reich verzierter Silbersarg, in dem die Reliquien des Heiligen ruhen.
Vom Dom ist es nicht weit bis an die Neris. Wir gingen ein Stück den Fluss entlang bis zum Zusammenfluss von Neris und Vilnius. Nicht weit von hier hätte es die Möglichkeit gegeben, auf den Burgberg hinauf zu steigen, aber der Weg war gepflastert und das war für Udos immer noch lädierten Fuß zu viel. So umrundeten wir den Burgberg mit dem weithin sichtbaren Gediminas-Turm nur und bogen dafür noch einmal in die Künstlerrepublik Uzupis ab.
Wir waren auf der Suche nach dem Wunderbier-Brunnen, von dem Arminas uns erzählt hatte. Am 1. April, dem offiziellen Nationalfeiertag (Užupis-Tag), geschieht nämlich an einer Wasserstelle unweit des Engels von Užupis ein kleines Wunder: Die Leitungen eines öffentlichen Brunnens werden umgestellt, sodass für die feiernden Bürger und Besucher echtes, kostenloses Bier statt Wasser aus den Hähnen fließt. Man wisse allerdings nie genau, wann dieses Wunder startet, und es dauere erfahrungsgemäß auch nur wenige Minuten, bis es wieder vorbei ist, wusste Arminas.
Wir suchten zuerst an der verkehrten Stelle und gingen zu weit den Berg hinauf. Das hatte aber zur Folge, dass wir an einem Herrenfriseur vorbeikamen, der Udo einen schönen Haarschnitt verpasste.
Den Brunnen haben wir dann auch noch gefunden.
Bei dieser Gelegenheit kamen wir auch an der Verfassung der Republik Užupis vorbei. Sie ist das humorvolle Herzstück des Künstlerviertels und ihre 41 Artikel hängen in über 30 Sprachen als glänzende Metalltafeln an einer Außenwand in der Paupio-Straße.
Die ersten fünf Artikel (alle Artikel) lauten: 1. Ein Mensch hat das Recht, beim Flüsschen Vilnelė zu leben, und das Flüsschen Vilnelė hat das Recht, am Menschen vorbeizufließen. 2. Ein Mensch hat das Recht auf heißes Wasser, Heizung im Winter und ein Ziegeldach. 3. Ein Mensch hat das Recht zu sterben, aber das ist keine Pflicht. 4. Ein Mensch hat das Recht zu irren. 5. Ein Mensch hat das Recht, einzigartig zu sein.
Weiterhin entdeckten wir den Shop an der Grenze zu Letland.
Bevor wir den Rückweg antraten, gingen wir nochmals zur schönen Backsteinkirche St.-Anna und schauten uns diese von innen an.
Nun durchstreiften wir noch das Glasviertel bis zum Rathausplatz, dann ging es wieder zurück zur Berta.
Kurz vor dem Tor der Morgenröte gönnten wir uns noch einen Milchshake in einem kleinen Café.
Um das Tor herum fielen uns viele Leute in gelben oder orangenen T-Shirts auf. Sie schienen auf einen Gottesdienst zu warten. Wir sprachen ein Paar an und erfuhren, dass sie Teilnehmer einer jährlichen 10-tägigen Wallfahrt waren, die in Suwałki in Poilen startete und heute in Vilnius endete. Ca. 500 Menschen hatten teilgenommen und waren täglich 25 bis 35 Kilometer marschiert. Die Route verlief ab dem 6. Tag durch das Kerngebiet der polnischen Minderheit in Litauen und die Pilger wurden von den ansässigen Dorfgemeinschaften verpflegt und privat beherbergt.
Um 18 Uhr waren wir zurück an der Berta, schlossen die Türe hinter uns und glaubten, nicht richtig zu hören: Tropfen fielen aufs Dach. Wir hatten keinen Regen kommen sehen, aber jetzt hörten wir Donnergrollen.
Wir verließen unseren Platz, um an einen ruhigeren Übernachtungsplatz auf dem Weg nach Trakai zu fahren. Auf der Fahrt regnete es ziemlich heftig. Einen Zwischenstopp gab es noch bei einem Lidl, dann beendeten wir den Tag mit einem Abendvesper und weiteren Vilnius-Recherchen auf dem Parkplatz im Schlosspark von Traku Voke.
Samstag, 25.07.2026 – Vilnius
Von Traku Voke nach Vilnius und wieder zurück – 36 km; Vilniusrunde zu Fuß und mit E-Scooter – 11 km
Wetter: Heiter bis wolkig, 22 Grad
Noch am gestrigen Abend waren wir zum Entschluss gekommen, heute nochmals einen Tag in Vilnius zu verbringen. Die Stadt hatte uns sehr gut gefallen; wir fanden sie sogar die schönste der drei baltischen Hauptstädte.
So fuhren wir nach dem Frühstück zurück auf den Stadionparkplatz. Udos Idee war, heute Bolt-E-Scooter auszuleihen, die man an verschiedenen Stellen in der Stadt nehmen und an anderen Stellen wieder abgeben kann. Die nächstgelegene Stelle, an der Roller verfügbar waren, war der Bahnhof. So marschierten wir heute dorthin. Die Roller waren da, die App funktionierte auch.
Wir wollten zur Touristen-Information am anderen Ende der Altstadt, um uns dort Audioguides mit einer deutschen Stadtführung, herausgegeben von der Stadt Vilnius, auszuleihen. Zuerst mussten wir allerdings nochmals zurück zur Berta, da Xenia nur ein leeres Brillenfutteral eingesteckt hatte und ihre Sonnenbrille noch im Auto war. So konnten wir die Scooter auf diesem Weg ausprobieren und ein bisschen üben. Überraschend war, dass der Scooter nicht mehr funktionierte, sobald wir die Kernezone der Stadt verlassen hatten. Die Berta stand ca. 50 m außerhalb.
Dann ging es los in die Stadt. Das Blöde war, dass weite Teile der Altstadt weder mit Autos noch mit E-Scootern befahren werden dürfen. Die Roller wissen das und stellen auf verbotenem Terrain ab. So mussten wir einen Umweg um die Altstadt herum fahren, bis wir schließlich am Domplatz ankamen. Dort konnten wir die Roller abstellen und weiter zu Fuß gehen. Das Fahren hat weniger Spaß gemacht als gedacht. An den Rollern fehlte eine Handyhalterung, daher war das Navigieren schwierig. Außerdem waren einige Straßen gepflastert, was sehr holprig und unbequem zu fahren war. Nun gut, es war einen Versuch wert und wir waren um eine Erfahrung reicher.
An der Touristeninformation bekamen wir die Audioguides. Zum Glück hatte Xenia zwei Paar Ohrhörer mit Kabel mitgenommen, denn diese waren der Info ausgegangen. Aber mit den eigenen Ohrhörern konnten wir die Geräte ausleihen. Eine Karte, auf der die Punkte mit Informationen eingezeichnet waren, bekamen wir ebenfalls.
So ausgerüstet gingen wir zurück zum Domplatz, denn dort startete die Tour mit gleich mehreren Infopoints.
Los ging es mit dem Statue des Großfürsten Gediminas. Er gilt als der Gründer der Stadt Vilnius und regierte das Großfürstentum Litauen im 14. Jahrhundert.
Weitere Infos gab es zu den drei Burgen, die hier einmal standen, der Umleitung der Vilnius und natürlich zum Dom und dem angrenzenden Palast des Großfürsten von Litauen.
Wir wollten noch einmal in den Dom und kamen dabei am „Wunschstein“ vorbei, einer in das Pflaster eingelassenen Granitplatte mit der Aufschrift „STEBUKLAS“ (litauisch für Wunder). Eine Traube von Menschen standen um ihn herum und machten “Käsperle”. Die Erklärung dafür gab uns der Audioguide: Damit der Wunsch in Erfüllung geht, muss man folgendes Ritual einhalten: Man stellt sich mitten auf die Wunderkachel "Stebuklas". Dann schließt man die Augen und konzentriert sich fest auf den Wunsch. Anschließend dreht man sich ein paarmal im Uhrzeigersinn um die eigene Achse. Nun macht man einen oder mehrere kleine Hüpfer und spricht den Wunsch dabei gedanklich ins Weltall.
Wir waren wunschlos glücklich, verzichteten auf die Zeremonie und gingen stattdessen lieber noch einmal in den Dom und zur nicht weit entfernten Statue von König Mindaugas am Litauischen Nationalmuseum.
Heute hatten wir genügend Kraft, um den Burgberg zu besteigen und in den Gediminas-Turm zu gehen. Dort ist ein kleines Museum zur Stadtgeschichte und zum “Baltischen Weg” untergebracht. Der Baltische Weg war eine der beeindruckendsten friedlichen Massendemonstrationen der modernen Geschichte. Am 23. August 1989 um genau 19:00 Uhr bildeten rund zwei Millionen Menschen eine ununterbrochene, über 600 Kilometer lange Menschenkette, die sich durch die drei baltischen Staaten von Tallinn über Riga bis nach Vilnius erstreckte. Die Bilder und Filme dazu waren beeindruckend.
Oben vom Turm hatten wir einen sehr schönen Blick auf die Stadt.
Unser Weg ging weiter durch den Bernardiner-Park, vorbei am Musikbrunnen bis nach Uzupis. Diese Künstlerrepublik wollten wir uns noch einmal etwas genauer anschauen. In einer kleinen Pizzeria mit Café, nicht weit von Udos Friseur entfernt, aßen wir zu Mittag. Die Pause und das Sitzen taten uns gut. Weiter ging es zur Engelstatue und wir entdeckten bei dieser Gelegenheit, dass Xenia wohl auch zu dieser Spezies gehört.
Besonders interessierte uns die Grenze, mit einem Grenz-Souvenirladen, dem Grenzfluss Vilnelé und der Brücke mit den vielen Liebesschlössern, der Schaukel über dem Fluss und der bronzenen Nixe. Lokale Legenden besagen, dass die Nixe mit ihren magischen Augen Menschen aus aller Welt nach Užupis lockt. Wer ihrem Blick und ihrem Zauber nicht widerstehen kann, bleibt für immer in diesem Viertel gefangen.
Wir konnten uns zum Glück problemlos losreißen und marschierten wieder zurück zur Touristeninformation, um die Audioguides zurückzugeben. Wir hatten nur einen Teil der Punkte auf der Karte angehört und abgelaufen, aber mehr war uns zu viel.
Neben der Info gab es eine Eisdiele mit hausgemachtem Eis – die einzige echte Eisdiele, die wir in Vilnius gefunden haben. Diese Gelegenheit konnten wir nicht an uns vorbeigehen lassen und kauften uns ein Eis. Es war sehr lecker! Im Straßencafé konnten wir es verzehren und den vorübergehenden Passanten zuschauen.
Gegenüber gab es ein anderes Café, vor dem an einem kleinen Stand litauische Quarkbällchen gebacken und verkauft wurden. Diese "Varškės spurgos" gehören zu den beliebtesten süßen Snacks des Landes. Sie zeichnen sich im Vergleich zu deutschen Quarkbällchen durch eine besonders saftige, dichte Konsistenz im Inneren aus, da traditionell ein vergleichsweise trockener, krümeliger osteuropäischer Quark verwendet wird. Xenia kaufte sich einen davon zum Probieren und er schmeckte ihr sehr gut.
Nun hatten wir genug erkundet für heute und gingen denselben Weg wie gestern durchs Glasviertel und über den Rathausplatz. Dort steht ja das Portal, welches einen in Städte rund um die Welt blicken lässt. Wir schauten eine Weile zu. Die Menschen versuchten mit besonderen Wink- oder Tanzgesten die gegenüberliegende Seite in den USA, Brasilien, Polen, UK, Philippinen zu den gleichen Moves zu bewegen. Ja, six/seven war auch dabei.
Bevor wir weiterfuhren, wollten wir uns noch ein bisschen vom langen Marsch erholen und ausruhen. Udo konnte problemlos schlafen, bei Xenia klappte das leider nicht an der vielbefahrenen lauten Straße. Aber ein bisschen hinlegen tut ja auch schon gut!
Um 18:00 Uhr sagten wir Vilius Lebewohl und fuhren wieder auf den Schlossparkplatz, auf dem wir schon die letzte Nacht verbracht hatten. Er liegt ideal auf halber Strecke nach Trakai, unserem morgigen Ziel.
Zum Abendessen brauchten wir nicht mehr viel. Ein paar Reste und ein Salat genügten.
Sonntag, 26.07.2026 – Wasserschloss Trakai und Trakai Nationalpark
Von Traku Voke nach Trakai – 16 km, Radtour 38 km
Wetter: sonnig, 26 Grad
Heute stand Trakai mit seinem Wasserschloss und den Seen auf dem Programm. Bevor wir dorthin aufbrachen, schauten wir uns noch ein bisschen die Gegend an. Es waren nur wenige Minuten bis zum Herrenhaus Traku Voke und dem darum liegenden Landschaftspark, auf dessen Grundstück wir genächtigt hatten. Springbrunnen lieben sie schon, die Balten!
In Trakai fuhren wir nach langer Zeit wieder einmal auf einen ausgewiesenen Wohnmobilstellplatz. Er befand sich auf einem Privatgrundstück, ganz in der Nähe des Wasserschlosses. Es war nicht mehr als ein Parkplatz, aber eben mit Versorgung: Wasser, Toilettenentleerung und vor allem Strom waren vorhanden. Heute wollten wir noch eine Radtour machen und da konnten wir den Strom gut gebrauchen, um unsere Fahrradakkus wieder aufzuladen.
Um 10:45 Uhr kamen wir auf dem Platz an und waren heute die Ersten. Das sollte sich aber noch ändern! Der Besitzer wies uns einen Platz an, kassierte 22 Euro, zeigte uns die Versorgung und ging wieder.
Udo machte die Räder startklar. Zuerst fuhren wir damit die 600 Meter zum Wasserschloss und waren überrascht über den Trubel, der dort herrschte. So viele Menschen waren wir gar nicht mehr gewohnt! Vor der Insel mussten wir die Räder stehen lassen und zu Fuß über die Holzbrücke weitergehen.
Es war ein herrlicher, sonniger Sonntag und außerdem der letzte Sonntag im Monat, was bedeutete, dass das Museum umsonst für alle geöffnet hatte. Wir wollten sowieso nicht so viel Zeit in der Schlossburg verbringen, so gingen wir zügig durch die Räume. Man konnte sich sowieso nicht in Ruhe umschauen, zu viele Menschen waren da. Das war das erste Mal im Baltikum, dass wir vor der Masse der Menschen fliehen wollten.
Als wir die Schlossburg wieder verließen, kamen wir fast nicht mehr zum Tor hinaus. Die Leute drängten sich am Eingang. Es hätte also durchaus noch schlimmer kommen können, als wir es erlebt hatten.
Um 12:30 Uhr waren wir wieder an der Berta und staunten nicht schlecht: der ganze Platz war zugeparkt mit Autos. An der Einfahrt saß die Frau des Besitzers und kassierte. Diese Leute machen ein gutes Geschäft mit ihrem Grundstück!
Für uns gab es erst einmal Mittagessen: Currywurst mit einem Wecken, Salat und einem süßen Stückle zum Nachtisch.
Nach dem Essen starteten wir zur Radtour, auf der wir den Akmena-See und den Galves-See umrunden wollten. Xenia dachte eigentlich, dass wir wieder in die Einsamkeit kämen, sobald wir Trakai hinter uns gelassen hätten. Aber weit gefehlt! Überall dort, wo es Badestellen gab (und das waren einige auf der Tour!), waren viele Autos und viele Menschen. Nichts los war nur an den Stellen, die man nicht mit dem PKW anfahren konnte. Hier waren dafür die Wege so, dass sie Udo gefielen ... für Xenia war es Fahrschule auf Steinen, Schotter und Sand. Ein paarmal musste sie schieben, sonst schlug sie sich tapfer. Dafür kamen wir durch die Natur abseits von den Autostraßen. Diese ließen sich nicht immer vermeiden, und wenn es keinen Radweg gab, fuhren die Autos ziemlich schnell und dicht an uns vorbei. So waren wir doch immer wieder froh, wenn wir diese Straßen verlassen und wieder auf kleinen Wegen radeln konnten.
Als wir den Akmena-See fast umrundet hatten, kamen wir an eine Stelle am See, wo gerade gebaut wurde. Ein paar hundert Meter weiter war ein voller Badestrand, hier jedoch waren wir ganz allein und nutzten die Gelegenheit für eine Runde Schwimmen im See. Das Wasser war ganz klar und sehr erfrischend nach dem schweißtreibenden Radeln.
Am Galves-Sees waren die Badestellen ebenfalls gut besucht. Bei seiner Umrundung mussten wir streckenweise etwas weiter ins Land hinein radeln, da es keinen Weg direkt am See gab. Dafür gab es schöne Anwesen zu sehen, immer mit gemähtem Rasen und oft in idyllischer Lage, direkt an einem See.
Die meisten Leute gab es aber zweifellos in Trakai. Nachdem wir dort wieder angekommen waren, setzten wir uns in den Außenbereich eines Cafés mit See- und Schlossblick und gönnten uns einen Erdbeerkuchen mit einem Cappuccino. Eisdielen wie bei uns oder Eisbecher kennt man hier nicht. Auch wenn viel los war, war der Blick doch viel schöner als auf unserem Parkplatz, und der Kuchen war sehr gut.
Wieder an der Berta angekommen, luden wir die Räder, trockneten unsere Badeklamotten und Handtücher am Wäscheständer, duschten und machten uns noch ein Abendvesper. Die PKWs verließen nacheinander den Platz, dafür kamen einige neue Wohnmobile an.
Montag, 27.07.2026 – Region Trakai: Varnikai Bohlenweg, Galve-See
Von Trakai zum Galve-See – 20 km, Varnikai Bohlenweg-Wanderung 4,5 km
Wetter: Bewölkt, Regenschauer und Gewitter, abends Aufhellungen – 22 Grad
Die Schön-Wetter-Periode war leider schon wieder vorbei. Wir erwachten bei bewölktem Himmel und es war viel Regen angesagt für heute.
So lange wir den Camperservice machten, die Fußmatten ausklopften und den Boden kehrten, war es noch trocken. Da klar war, dass wir heute nicht viel draußen werden unternehmen können, entschieden wir uns für eine kleine Wanderung durch ein Moorgebiet bei Varnikai, nur wenige Kilometer von Trakai entfernt.
Als wir ankamen, begann es zu regnen. Die Wetter-App sagte voraus, dass dieser bis 12 Uhr dauern und dann für zwei Stunden aufhören würde. Also blieben wir in der Berta und warteten dort den Regen ab. Um 11:30 Uhr hörte er tatsächlich auf und auch das Regenradar sah gut aus. So machten wir uns auf den Weg.
Der Varniku pazintinis takas ist ein 4 Kilometer langer Lehrpfad, der die meiste Zeit durch den Wald verläuft. Etwa die Hälfte der Strecke ist ein Bohlenweg. Das Maskottchen des Lehrpfads ist der Rabe. Es gab 8 Lehrtafeln auf der Strecke, auf denen jeweils ein hölzener Rabe saß. An einer Stelle führte der Weg durchs offene Moor und an einem See vorbei. Eine Badestelle gab es hier allerdings nicht. Die Temperatur war angenehm zum Gehen, es war lediglich etwas schwül durch den Regen. Udo bekam einige Mückenstiche, Xenia hatte sich mit Mückenmittel eingesprüht und blieb verschont.
Um 13 Uhr waren wir trocken wieder zurück an der Berta. Der Waldparkplatz war nicht besonders schön, daher fuhren wir auf einen Parkplatz am Galve-See, an dem wir auf der gestrigen Radtour vorbeigekommen waren. Gestern war er voll und das ganze Seeufer mit Badegästen belegt gewesen. Heute waren wir die einzigen Besucher.
Wir machten uns ein kleines Mittagessen (Spiegelei mit roten Würsten und Paprika-Tomaten-Gurkensalat). Danach war es immer noch trocken und Udo nutzte den See zum Schwimmen. Xenia war es zu windig und ungemütlich dafür. Auf der Wetter-App sahen wir, wie sich eine Gewitterfront näherte. So blieben wir in der Berta und machten Siesta.
Es dauerte nicht lange, da hörten wir das Donnergrollen und der Regen prasselte aufs Dach. Wir machten uns einen Kaffee, schauten auf den See und freuten uns, dass wir im Trockenen waren.
Um 17:30 meldete sich Eva aus Heroldstatt: der Smart sprang nicht mehr an. Nun war Udo beschäftigt mit Recherchen, wie dieses Problem behoben werden könnte, und mit Telefonaten mit der Mercedes-Werkstatt. Xenia machte in dieser Zeit eine Routenplanung für die letzten Tage im Baltikum und stornierte die Fähre für die Rückfahrt. Es war jetzt klar, dass wir über Polen heimfahren wollten.
Um 19 Uhr machten wir noch einen halbstündigen Spaziergang auf einen kleinen Hügel hinauf, um uns die Beine zu vertreten und noch ein bisschen frische Luft vor dem nächsten Regen zu schnuppern.
Dienstag, 28.07.2026 – Litauisches ethnographisches Freilichtmuseum in Rumsiskes, Fahrt nach Kaunas
Vom Galve-See bis Kaunas – 96 km
Wetter: vormittags noch ein Regenschauer, dann heiter bis wolkig und windig – max. 19 Grad
Nach dem Aufstehen regnete es noch ein bisschen, hörte dann aber auf, während wir frühstückten. Die Sonne begleitete uns den Rest des Tages, es blieb aber windig und ziemlich kühl.
Bevor wir weiterfuhren, gingen wir noch einmal vor an den See, um uns von ihm zu verabschieden. Es folgten einige Telefonate mit Eva und der Mercedes-Werkstatt wegen unserem Bobby. Der Versuch von Eva, die 12-Volt-Batterie wieder zu laden, war leider nicht von Erfolg gekrönt gewesen.
Heute stand das litauische Freilichtmuseum in Rumsiskes auf dem Programm, das Pendant zum estnischen Freilichtmuseum Rocca al Mare.
Um 11 Uhr waren wir dort und machten uns ein zweites Frühstück, bevor wir hineingingen. Auch dieses Freilichtmuseum ist sehr weitläufig und wir schafften es diesmal nicht, alles besichtigen. Es ist aber auch mit einer Fläche von 195 Hektar und über 90.000 Exponaten eines der größten Freilichtmuseen Europas.
Im Zentrum des Parks befindet sich die Nachbildung einer typisch litauischen Kleinstadt mit Marktplatz, einer hölzernen Kirche, Gasthaus, Töpferei, einer alten Weberei und einer historischen Post. Darum herum befinden sich mehr als 140 historische Gebäude, die an ihren Originalstandorten abgetragen und hier originalgetreu wieder aufgebaut wurden. Sie bilden fünf historische Regionen Litauens ab:
• Aukštaitija (Oberlitauen): Geprägt von charakteristischen Streifendörfern und großen Gehöften. • Žemaitija (Samogitien): Zeigt wuchtige, strohgedeckte Holzhäuser aus dem Westen des Landes. • Dzūkija (Südlitauen): Präsentiert ärmlichere, aber charmante Waldarbeiter- und Fischergehöfte. • Suvalkija (Südwestlitauen): Steht für wohlhabende, geordnete Höfe mit großen Gärten. • Kleinlitauen (Mažoji Lietuva): Zeigt den preußisch beeinflussten Baustil des ehemaligen Memellandes
Als Miniatur-Ausgabe des Landes zeigt dieses Freilichtmuseum die Architektur, das Handwerk und das historische Dorfleben Litauens vom späten 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.
Wir begannen unseren Rundgang mit der Kleinstadt um den Marktplatz und durchstreiften anschließend die verschiedenen Regionen darum herum. Aukstaitija haben wir nicht mehr geschafft, die anderen Regionen haben wir mehr oder weniger intensiv angeschaut.
Wir begannen mit einer achteckigen Holzkirche, die hier restauriert und wieder aufgebaut wurde. Sie ist geweiht, es finden Gottesdienste zu besonderen Anlässen statt.
Im Schulhaus gab es das alte Klassenzimmer und die Wohnung des Lehrers.
Es gab einen Kolonialwarenladen und einen Tuchladen. Überall war Persil-Werbung zu sehen.
Eine Schneiderwerkstatt und ein Friseur
Ein Fotoatelier mit zugehörigen Kulissen
Ein Bäcker mit seinem Verkaufshäusle und eine Kutschenausstellung
Die Gehöfte waren liebevoll und schön hergerichtet. In die meisten Gebäude konnte man hineingehen und sich einen Eindruck davon verschaffen, wie die Menschen damals gelebt und welche Werkzeuge und Arbeitsmittel sie gehabt hatten. Zwischen den Regionen gab es verschiedene Rastplätze, Spielplätze und Windmühlen.
Ein Bauernhaus mit Holzschuhwerkstatt. Links lebte der Holzschuhmacher, rechts der Bauer mit fünf Kindern.
Die meisten Gehöfte hatten schöne Vorgärten und einen schönen Rasen. Hier ein Bauernhaus mit Töpferwerkstatt.
Auf den größeren Höfen waren die Räume größer, die grundsätzliche Aufteilung blieb dieselbe.
Zu sehen waren auch einige Maschinen. Zum Beispiel gab es einen Göppel, der von Pferden oder Ochsen angetrieben wurde und in der Scheune dann verschiedene Maschinen antrieb, beispielsweise Dresch- oder Getreideputzmaschinen.
Eine Dampfmaschine, die eine Dreschmaschine antrieb oder über lange Drahtseile den Pflug durch den Acker zog.
Und natürlich ein Traktor (ein Fordson mit Stahlrädern) oder ein stationärer Motor, die dann die Dampfmaschinen ablösten.
In einer Hütte sahen wir eine Sammlung von Masken, wie sie zu den Festen genutzt wurden. Der Träger fertigte diese im Geheimen an, weil er nicht damit erkannt werden wollte.
Wir waren gute vier Stunden auf dem Gelände unterwegs und kehrten zum Abschluss im Gasthaus am Marktplatz ein. Udo aß eine kalte, rote Gurkensuppe. Xenia genügte es, ein paar Löffel davon zu probieren.
Ziemlich müde kamen wir wieder auf dem Parkplatz an. Udo fuhr die Berta auf einen Schattenparkplatz und wir ruhten uns ein bisschen aus, bevor wir weiter nach Kaunas fuhren. Auf dem Weg dorthin kamen wir an einem Maxima vorbei, den wir für einen Einkauf nutzten.
Um 18:30 Uhr kamen wir in Kaunas auf dem Parkplatz an, den wir uns ausgesucht hatten. Er war nicht weit von der Altstadt entfernt, aber auf der anderen Seite der Memel, in der Nähe der Bergstation der Standseilbahn. Es war der erste Parkplatz außerhalb der kostenpflichtigen Zone und laut Park4night sollte die Altstadt von hier aus in 10 Minuten zu Fuß erreichbar sein. Ob das stimmt, wollten wir am nächsten Tag ausprobieren.
Heute gab es noch ein paar Spaghetti zum Abendessen und ein Telefonat mit unseren Lieben zuhause. Eva konnte berichten, dass der Smart nach vergeblichem Reparaturversuch vor Ort und einem Werkstattbesuch in Laichingen wieder intakt und fahrbereit in der Garage stand. Die 12-Volt-Batterie hatte sich tiefenentladen und musste getauscht werden.
Mittwoch, 29.07.2026 – Kaunas, Kaunas Lagune (Pakalniskiai Burgberg und Ziegzdriai Felswand), Prienai
Von Kaunas bis Prienai – 61 km
Wetter: bewölkt, 22 Grad
Unser Übernachtungsplatz war für die Stadtbesichtigung prima, um sich dort aufzuhalten allerdings nicht so toll. Bis 22:30 Uhr war es am gestrigen Abend sehr laut gewesen. Es schien, dass die Straße zu einer Motorroller-Rennstrecke gehörte. Immer wieder düsten Motorroller in hoher Geschwindigkeit und mit lauten Motoren an uns vorbei. Am Morgen begann der Lärm dann ab 7:30 Uhr auf der anderen Seite, als der Rasen des Parks mit einer Motorsense gemäht wurde. Zwischen 22:30 Uhr und 7:30 Uhr war es aber zum Glück ruhig, sodass wir trotzdem gut geschlafen haben.
Um 9:30 Uhr starteten wir in die Stadt. Zuerst gingen wir zur Bergstation der Standseilbahn und hatten von dort aus einen schönen Blick über die Altstadt.
Dann ging es über viele Stufen neben der Standseilbahn den Berg hinunter. Die Fahrt mit der Seilbahn sparten wir uns, es war nicht weit bis unten. Über die Memelbrücke kamen wir in die Altstadt.
Auf dem Weg zum Rathausplatz kamen wir am Perkunas-Haus vorbei. Das schöne spätgotische Haus aus roten Backsteinen steht recht unscheinbar in einer kleinen Gasse. Es wurde in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts von Kaufleuten der Hanse erbaut und diente bis 1532 als deren Handelskontor und Warenlager. Seinen heutigen Namen erhielt das Gebäude im 19. Jahrhundert, als bei Renovierungsarbeiten eine Statue in der Wand entdeckt wurde und man glaubte, darin den heidnischen baltischen Donnergott Perkūnas zu erkennen.
Weiter ging es zum schönen Rathausplatz. In der Mitte befinden sich das prächtige historische Rathaus aus dem 16. Jahrhundert und in den Boden integrierte Wasserspiele. Das Rathaus verdankt seinen Spitznamen „Weißer Schwan“ dem eleganten, 53 Meter hohen weißen Turm. Der Platz ist gesäumt von gut erhaltenen, zwei- bis dreistöckigen Gebäuden aus dem 15. und 16. Jahrhundert, in denen heute Cafés, Bars und Restaurants untergebracht sind. An der Südseite des Platzes ragen die wuchtigen Zwillingstürme der barocken Jesuitenkirche St. Franziskus Xaverius empor. An der nordöstlichen Ecke des Platzes befindet sich die beeindruckende, gotische Backsteinkathedrale St.-Peter-und-Paul, die wir uns später noch genauer anschauten.
Zuerst setzten wir unseren Weg durch die Altstadt fort und marschierten zur Burg von Kaunas. Auch sie ist ein Backsteingebäude und erinnerte uns sehr ans Schloss Trakai. Sie liegt auf einer kleinen Halbinsel am Zusammenfluss der beiden größten litauischen Flüsse Memel und Neris. Die steinerne Festung wurde im 14. Jahrhundert errichtet, um die Stadt und das Landesinnere vor den Angriffen des Deutschen Ordens zu schützen. Heute befindet sich in den noch erhaltenen Überresten das Stadtmuseum, das wir aber nicht besichtigten.
Wir wollten lieber ins moderne Kaunas und kamen wieder über den Rathausplatz in die Vilniaus-Straße, den ersten Teil der 2,5 Kilometer langen Fußgängerzone. Am Anfang steht die schöne St.-Peter-und-Paul-Kathedrale, die wir jetzt auch von innen besichtigten. Während das Äußere aus massivem, rotem Backstein die strenge Gotik und Renaissance widerspiegelt, ist das Innere nach Umbauten im 18. Jahrhundert vom prachtvollen Spätbarock geprägt. Wir waren wirklich beeindruckt! Der barocke Hochaltar aus dem Jahr 1755 zeigt eine Kreuzigungsgruppe und wird von Skulpturen der Apostel flankiert.
Die ganze Fußgängerzone war zu viel für Udos Fuß, so drehten wir nach der Hälfte um und kehrten noch in einem usbekischen Restaurant ein, wo wir um 11:30 Uhr ein Mittagstisch-Menue verzehrten: eine Suppe mit Gemüse und kleinen Fleischbällchen als Vorspeise, zum Hauptgericht Lammhackbraten mit Pommes und Salatgarnitur. Einen Nachtisch gab es auch noch, allerdings nicht in diesem Restaurant sondern aus der Eisdiele von nebenan. Das Eis war genial!
Kaunas ist eigentlich dafür bekannt, dass es viele großflächige Streetartkunstwerke gibt. Wir haben leider nur drei gefunden.
Um 12:45 Uhr waren wir wieder zurück an der Berta. Wir hätten das Funikular den Berg hinauf genommen, aber das hatte bis 13 Uhr Mittagspause und so lange wollten wir nicht warten. So gingen wir die Treppenstufen wieder hinauf, was auch kein Problem war.
In der Berta gab es eine ausgiebige Mittagspause. Um 14:30 Uhr verließen wir Kaunas und fuhren weiter zur Kaunas Lagune. Sie ist der größte künstliche Stausee Litauens und entstand im Jahr 1959, als die Memel für ein Wasserkraftwerk aufgestaut wurde. Unser ursprünglicher Plan wäre gewesen, hier eine Seeufer-Streckenwanderung zu machen, also eine Strecke mit dem Bus zu fahren und dann am Seeufer von der Steilwand bei Zegzdria bis zum Pakalniskiai Burgberg zurückzuwandern. Um Udos Fuß zu schonen, verzichteten wir aber auf den 9 Kilometer langen Wanderweg und fuhren nur den Start- und den Zielplatz der Wanderung an. Auf dem Weg lag ein Lidl, bei dem wir einen Zwischenstopp einlegten und so viel einkauften, dass es für die nächsten Tage reichen müsste.
Zuerst kamen wir zum Pakalniskiai Burgberg. Der Hügel stand ursprünglich unweit des Dorfes Pakalniškiai. Als 1959 das Wasserkraftwerk Kaunas gebaut und die Memel aufgestaut wurde, versank das gesamte Dorf im neuen Stausee. Nur der 27 Meter hohe Burgberg blieb direkt am neuen Ufer als Aussichtspunkt erhalten. Die Aussicht wäre bei schönem Wetter sicher noch schöner gewesen, aber immerhin konnten wir den Stausee bis zum gegenüberliegenden Kloster Pažaislis überblicken. Wir drehten eine kleine Runde am See entlang und durchs Gelände.
Dann fuhren wir weiter nach Ziegzdriai zum Startpunkt der Wanderung. Dort gingen wir den Bohlenweg an der Felswand ein kleines Stück entlang und kehrten durch den Wald wieder zurück zur Berta.
Es war 17 Uhr und der Waldparkplatz nicht besonders einladend. So beschlossen wir, noch ein Stück gen Süden zu fahren. Udo suchte einen Parkplatz an der Memel in Prienai aus, den wir um 17:45 Uhr erreichten. Er war wirklich direkt am Fluss in der Nähe eines Parks.
Xenia sortierte zuerst noch die Lebensmittel, dann gab es Abendessen und zum Tagesabschluss einen halbstündigen Spaziergang zum kleinen Stadtsee von Pienai. Dorthin führte ein sehr schöner Bohlenweg entlang eines kleinen Flüsschens. Überall war die Videoüberwachung vorhanden.
Donnerstag, 30.07.2026 – Merkine, Roduka Hängebrücke, Kastinio-See
Von Prienai bis zum Kastinio-See – 98 km
Wetter: heiter bis wolkig, dann sonnig – 28 Grad
Heute wollten wir in den letzten Nationalpark unserer Baltikum-Tour fahren, den Dzukija Nationalpark. Er ist mit einer Fläche von fast 585 Quadratkilometern das größte Schutzgebiet des Landes.
Bevor wir starteten, machten wir einen kleinen Morgenspaziergang die Memel entlang und durch den Ort zurück. Das Wetter war herrlich, die Sonne schien und die Temperaturen waren mit 20 Grad sehr angenehm. Auch in Prienai wird viel Wert auf die Gärten gelegt. Das Haus ist nicht so wichtig, Hauptsache der Rasen ist gemäht, die Hecke geschnitten und die Blumenbeete sind in Ordnung.
Um 10 Uhr starteten wir nach Merkine, wo wir uns ein paar Attraktionen zum Besichtigen ausgesucht hatten.
Zuerst ging es zum Beobachtungsturm. Er ist 26 Meter hoch und so gebaut, dass er sich möglichst harmonisch in den ihn umgebenden Kiefernwald integriert. Seine tragende Struktur besteht aus fünf asymmetrisch angeordneten, braunen Metallsäulen, die wie die Stämme der umliegenden Kiefern wirken sollen. Die Aussichtsplattformen sind wie stilisierte Baumkronen angeordnet und befinden sich auf verschiedenen Höhen. Die Treppenkonstruktion windet sich unregelmäßig nach oben. Sie soll an einen verschlungenen Pfad erinnern, der durch das Unterholz führt. Nun ja .... auf jeden Fall ein besonderer Turm. Von oben sahen wir viel Wald und den Zusammenfluss von Nemunas (Memel) und Merkys, den beiden größten Flüssen der Region. Von Merkine konnten wir nur den Kirchturm erkennen, alles andere war vom Wald verdeckt. Udo hatte die Drohne mit dabei und ließ sie von oben fliegen.
Nun fuhren wir in den Ort, parkten im Ortszentrum beim Museum in der Kirche im Schatten und gingen ins Besucherzentrum von Merkine. In einem Raum gab es eine kleine Ausstellung über den Ort und den Nationalpark.
Ein kleines Stück weiter entdeckten wir einen Kebab-Stand mit ein paar Tischen im Freien, an dem einige Einheimische einkehrten. Wir taten es ihnen gleich und bereuten es nicht: der Kebab mit Pommes und Salatbeilage war sehr gut!
Im Besucherzentrum war uns ein Besuch des Burgbergs und des jüdischen Friedhofs empfohlen worden. Da wir Zeit hatten, fuhren wir die zwei Kilometer bis zum Burgbergparkplatz und machten von dort aus einen Spaziergang. Vom Burgberg aus kann man schön auf die Memel schauen, aber eine Burg gibt es da schon lange nicht mehr und der Berg ist auch nicht mehr als ein kleiner Hügel. Wir bestiegen die Anhöhe neben ihm, von der aus wir weiter zum jüdischen Friedhof und zu einem Holocaust-Denkmal gehen konnten.
Zuerst kamen wir beim jüdischen Friedhof vorbei. Durch die Bäume ist er inzwischen Teil des Waldes geworden.
Vor dem Zweiten Weltkrieg war Merkinė ein lebendiges jüdisches Zentrum. Ende des 19. Jahrhunderts stellten Jüdinnen und Juden rund 74 % der Stadtbevölkerung. Diese jahrhundertealte Gemeinschaft wurde im Jahr 1941 nahezu vollständig vernichtet. Anfang September sperrten deutschen Besatzer und lokale Kollaborateure die jüdische Bevölkerung in ein improvisiertes Ghetto im Hof der örtlichen Synagogen und der Schule. Am 10. September wurden die Juden in ein kleines Kiefernwäldchen direkt hinter dem jüdischen Friedhof getrieben. Dort wurden sie gezwungen, sich zu entkleiden, und in vorbereiteten Gräben erschossen. An diesem Tag wurden 854 Menschen, Männer, Frauen und Kinder, brutal ermordet. Unter russischer Besatzung wurden das Massengrab mit einer Betonplatee abgedeckt.
Es war nicht das erste Mal im Baltikum, dass wir Geschichten wie diese gehört oder gelesen und uns dafür geschämt haben. Unfassbar, dass Nationalsozialismus und Antisemitismus in Deutschland wieder auf dem Vormarsch sind!
Auf dem Rückweg kamen wir an einem Haus vorbei, vor dem Pfifferlinge angeboten wurden. Wir kauften uns einen Becher voll. Wir genossen nochmal die schöne Aussicht und wieder einmal ein total gepflegtes Grundstück. Hat uns an das Hanggrundstück von Marina erinnert.
Weiter ging die Fahrt zur nicht weit entfernten Merkine Pyramide. Sie ist ein spiritueller Ort mitten in den Wäldern des Dzūkija-Nationalparks im kleinen Dorf Česukai. Man soll die Anlage durch das Tor der Dankbarkeit besuchen und als erstes bei den Kreuzen verweilen. Daneben ist das Baldachin der Dankbarkeit (Gartenlaube mit Ikonen).
Herzstück der Anlage ist eine dreieckige Pyramide, die komplett von einer 12,5 Meter hohen Glaskuppel umschlossen ist. Menschen kommen hierher, um innere Ruhe, seelisches Gleichgewicht oder körperliche Heilung zu suchen. Die spirituelle Wirkung und die „Energie“ der Pyramide von Merkinė basieren laut dem Gründer Povilas Žėkas und den Anhängern des Ortes auf einer Kombination aus göttlicher Offenbarung, kosmischer Bioenergie und Heiliger Geometrie. In der Kuppel soll es eine phantastische Akustik geben, allerdings kann man diese nicht ausprobieren, da man dazu angehalten ist, sich still zu verhalten, nur zu flüstern und sogar das Handy stummgeschaltet zu haben.
Im Außenbereich befinden sich noch ein Brunnenhaus mit als „energetisiert“ und heilend geltendem Quellwasser, das man sich abfüllen darf (haben wir nicht gemacht), eine Statue des Propheten Elia, eine Statue des Erzengels Michael, der “Himmlische Obelisk” und auf einem kleinen Hügel der “Leuchtturm der Hoffnung”.
Wir haben uns nicht lange auf dem Gelände aufgehalten. Da die Temperatur inzwischen 28 Grad erreicht hatte, beschlossen wir, den Abend und die Nacht am kleinen Kastinio-See in der Nähe von Marcinkonys zu verbringen. Xenia hatte nicht weit von dort entfernt eine Radtour durch den Nationalpark geplant, die wir auch von diesem See aus starten konnten.
Auf dem Weg dorthin kamen wir durch den Ort Roduka und erinnerten uns, dass wir im Besucherzentrum in Merkine ein Bild von einer coolen Hängebrücke über den Merkys gesehen hatten, die in der Nähe von Roduka war. Xenia fragte Google und fand die Brücke tatsächlich auf maps. Wir mussten ein paar Meter zurückfahren und 650 Meter zu Fuß gehen, dann waren wir dort. Die Brücke war tatsächlich sehr abenteuerlich: wackelig, ein paar Bohlen beschädigt und an manchen Stellen auch lose. Aber sie war nicht gesperrt und durchaus begehbar. Hier durfte die Susi einen zweiten Ausflug machen.
Weiter ging die Fahrt zum heutigen Ziel, dem Kastinio-See bei Marcinconys. Wir kamen direkt am Puvočiai-Aussichtsturm vorbei, der mit 30 Metern noch höher als der Turm von Merkine ist. Aber da man hier nichts anderes als Wald sehen kann, haben wir auf den mühsamen Aufstieg verzichtet und sind am Turm vorbeigefahren.
Um 17 Uhr kamen wir am See an. Es waren schon einige Badegäste am See und auf dem angrenzenden kleinen Zeltplatz, aber wir bekamen problemlos einen Schattenplatz für die Berta. Wir machten uns zuerst aus kaltem Wasser und Himbeersirup ein erfrischendes Getränk, aßen ein süßes Stückle dazu und gingen anschließend zum Baden. Der See war leider nicht so sauber und klar, wie wir das erwartet hatten. Aber da die Einheimischen hier ohne Probleme im Wasser waren, taten wir es ihnen gleich und schwammen eine Runde. Die Erfrischung tat uns gut, wir waren doch verschwitzt gewesen. In der Berta duschten wir uns mit sauberem Wasser ab, danach fühlten wir uns wieder wohl.
Jetzt wurden die Pfifferlinge geputzt und mit Zwiebeln gebraten. Dazu gab es ein paar Bratkartoffeln. Es hat uns sehr gut geschmeckt!
Auf einem kleinen Hügel beim See waren die Gottheiten der alten litauischen Mythologie aufgestellt. Daneben eine Tafel mit Erklärungen. Für Details müsst ihr halt Google-Übersetzer fragen (machen wir mehrmals täglich).
Freitag, 31.07.2026 – Grutas-See, Radtour: Holz-Skulpturenpark Česnulis, Druskininkai
Vom Kastinio-See zum Grutas-See – 42 km
Wetter: sonnig, 32 Grad
Heute war unser erster Hochsommertag im Baltikum mit Sonne pur und 32 Grad.
Am Morgen waren die Temperaturen mit 24 Grad noch sehr angenehm. Eigentlich hatten wir vor, von unserem Übernachtungsplatz aus eine Radtour zu machen, entschieden uns dann aber anders. Grund dafür war nicht die Temperatur, sondern der sandige Untergrund, der hier abseits der asphaltierten Straßen vorherrscht. Wir hatten das schon gesehen und Xenia hatte am Abend zuvor recherchiert, dass die von ihr geplante Radtour immer wieder über Sandwege führte. Der ganze Nationalpark Dzukija liegt auf einer Sanddüne. Das hatten wir nicht gewusst, und die Aussicht, bei der angekündigten Hitze immer wieder durch den Sand schieben zu müssen, war insbesondere für Xenia alles andere als verlockend. So entschieden wir uns zur Weiterfahrt.
Zuerst fuhren wir beim Besucherzentrum des Nationalparks in Marcinkonys vorbei. Vielleicht konnte man uns dort beraten, was geht und was nicht geht. Als wir ankamen, hatte das Haus geöffnet, aber es war kein Mensch da. Wir schauten kurz in die Ausstellung, verließen das Zentrum dann aber schnell wieder. Den Trinkwasserbrunnen beim Parkplatz nutzten wir nicht, da der Wassertank noch halb voll war. Dafür fuhr Udo ein bisschen Motorrad ...
Als Ziel hatten wir einen Picknickplatz am Grutas-See ausgesucht. Wir hofften, noch einen Platz zu bekommen, wenn wir vor Mittag dort wären. Bei dem Wetter und am Wochenende sind solche Orte von Einheimischen sehr frequentiert. Doch wir hatten Glück. Udo konnte die Berta auf einem schattigen Plätzchen parken, wo wir sogar Tisch und Stühle herausstellen konnten. Dort machten wir uns zuerst einmal ein Mittagsvesper. Danach ging Udo eine Runde schwimmen. Xenia hingegen wollte das bis nach der Radtour aufheben.
Während der Fahrt und nach dem Essen hatten wir herausgefunden, dass es ein paar Kilometer von Grutas entfernt einen Holzskulpturenpark des Holzschnitzers Antanas Česnulis gab. Die Bilder und Beschreibungen hatten uns gut gefallen, sodass wir eine „Skulpturenpark-Radtour“ zu diesem Park und zum Grutas-Park planten, der nicht weit entfernt war. Insgesamt hatte diese Tour 19 Kilometer und laut Karte sah es so aus, als würden wir sie gut mit dem Rad bewältigen können. Radfahren geht bei Hitze viel besser als Laufen.
Auch hier ist Sand ein Thema, aber es wurde von Grutas bis Druskininkai ein schöner geteerter Radweg durch den Wald gebaut. Diesen konnten wir ein gutes Stück nehmen, und der Rest bis zum Holzskulpturenpark waren Schotterstraßen oder Landstraßen. So kamen wir gut an unserem Ziel an. Was wir dort zu sehen bekamen, hat uns beeindruckt, und wieder einmal waren wir allein im Park.
Der Park zeigt das Lebenswerk von Antanas Česnulis, einem der besten Holzschnitzer der Region. Wie wir feststellten, sind wir seinen Werken auf unserer Baltikumreise immer wieder begegnet: Zum ersten Mal auf der Kurischen Nehrung auf dem Hexenberg in Juodkrante und zum letzten Mal gestern am Kastinio-See. Die Holzskulpturen, die wir heute auf seinem Ausstellungsgelände gesehen haben, stellen Charaktere aus litauischen Volksmärchen, Theaterstücken und der Geschichte dar. Es waren auch einige biblische Szenen nachgestellt, zum Beispiel das Abendmahl, die Geburt Jesu oder der leidende Jesus.
Am Beginn des Parks sahen wir eine vom Künstler selbst gebaute, vierstöckige Windmühle, die im Inneren weitere Exponate beherbergte.
Besonders beeindruckend war auch die meterhohe „Mauer der Schmerzensmänner” (eine nachdenkliche Jesusfigur) direkt am Bach Ratnyčėle. Hier haben verschiedene Künstler Litauens immer das selbe Motiv dargestellt.
Im weiteren Parkverlauf waren einige der Holzinstallationen interaktiv – sie bewegten sich oder spielten traditionelle Musik ab, sobald man sich ihnen näherte.
Es war eine beeindruckende Ausstellung litauischer Holzkunst, in die sich auch ein paar Figuren aus Metall eingeschlichen hatten.
Der Künstler hatte auch seine Holz- und Schmiedewerkstatt direkt auf dem Gelände.
Es gab religiöse Motive.
Oder auch patriotische Motive und Bilder, wo seine Kunstwerke überall stehen. Erinnert ihr euch an das Schaukelpferd, unten links auf dem Bild, auf das Xenia in einem Video auf der kurischen Nehrung gestiegen ist. Oder an die Bank, auf der Udo mal saß?
Als wir unseren Rundgang beendet hatten, entschieden wir, nicht zurück zum Grutas-Park sondern weiter in die Stadt Druskininkai zu fahren. Vielleicht würde es ja dort ein leckeres Eis geben?
Um nicht so viel Straße zu fahren, wählten wir einen Weg am Flüsschen Ratnyčėlė, das in Druskininai in die Memel fließt. Dass dieser Weg nur ein schmaler Wanderpfad war, merkten wir erst, als wir ihn fuhren. Aber da er nicht sandig war, ging es ganz gut und wir kamen aus dem Süden in die Stadt.
Vorbei am Vijūnėlė-Park kamen wir zum wunderschön gelegenen Druskonis-See, dem Wahrzeichen der Kurstadt. Am Nordufer war heute ein Oldtimertreffen mit besonderen US-Autos, die dort in Reih und Glied standen und von den Passanten bewundert und fotografiert werden konnten.
Vorbei an der Orthodoxen Kirche, der Seilbahn und dem Aquapark ...
... kamen wir zum Musikbrunnen, dessen Springbrunnen nach Musik tanzte. Abends wird er beleuchtet, aber jetzt am Nachmittag war das leider nicht der Fall.
Auf der Fußgängerzone, an der gerade gebaut wurde, kamen wir an einem Eisstand vorbei. Wir kauften uns zwei Kugeln im Becher und durften das Eis auf der Terrasse des Restaurants verspeisen. Es war aber leider nicht so gut und hatte viele Eiskristalle.
Nun ging es wieder zurück an den Grutas-See, vorbai an einem umgedrehten Haus, auf dem schönen Radweg durch den Wald, den wir jetzt auf ganzer Länge fahren konnten.
Um 17 Uhr waren wir wieder am See, setzten uns mit einem kalten Getränk vor die Berta und erholten uns ein bisschen. Die 32 Grad waren schon ganz schön warm! Da tat die Erfrischung im See doppelt gut, die wir uns jetzt gönnten. Das Wasser war nicht ganz klar, aber viel besser als das vom Kastoria-See und wir wurden den Schweiß, der an uns klebte, wieder los.
Zum Abendessen gab es kleine Tortellini in Paprika-Tomatensoße. Salat hatten wir keinen mehr. Bis die Mücken kamen, saßen wir noch vor der Berta.
Samstag, 01.08.2026 – Fahrt nach Polen, Jezioro Biale (Weißer See), Augustow
Von Grutas bis Augustow – 116 km
Wetter: Vormittags Regen, danach bewölkt mit sonnigen Abschnitten, abends Gewitter – 24 Grad
Am Morgen nahm Udo vor dem Frühstück ein Bad im See, dann überraschte uns der Regen. Außerdem hatte es auf 15 Grad abgekühlt - was für ein Unterschied zum Vortag!
Auf Xenias To-do-Liste fürs Baltikum war nur noch ein letzter Punkt offen: der Grutas Skulpturenpark. Er ist ein Freilichtmuseum, das eine Sammlung von Skulpturen, Statuen und Relikten aus der sowjetischen Besatzungszeit zeigt. Nach der Unabhängigkeit Litauens wurden diese ideologischen Denkmäler von öffentlichen Plätzen demontiert und ab 1999 von einem geschäftstüchtigen litauischen Unternehmer auf einem Waldgelände zusammengetragen und werden jetzt der Öffentlichkeit zu saftigen Preisen zum Besichtigen angeboten. Das Ganze muss eine ziemliche Abzocke sein. Nachdem es jetzt auch noch regnete, strichen wir den Park von unserer Liste, obwohl wir nur 1,5 Kilometer von ihm entfernt waren. Stattdessen fuhren wir weiter in Richtung Heimat.
In Druskininkai hielten wir noch einmal bei einem litaurischen Lidl, um die Pfandflaschen abzugeben und uns mit Lebensmittel für die nächsten Tage einzudecken. So mussten wir in Polen nicht gleich zum Einkaufen.
Auf dem Weg zur polnischen Grenze kamen wir kurz vor Veisiejai am relativ kleinen Snaigynas Aussichtsturm vorbei. Da er direkt am Weg und an einem See lag, legten wir bei ihm eine Pause ein. Zuerst machten wir eine Vesperpause mit Lidl-Snacks, dann stiegen wir auf den Turm. Als man ihn gebaut hat, muss man wohl nicht daran gedacht haben, dass Bäume wachsen. Jedenfalls war die Aussichtsplattform nicht hoch genug, um über den Baumwipfeln einen schönen Ausblick auf den See zu haben. Das holten wir anschließend nach, indem wir noch vor zum See gingen. Man hätte hier auch schwimmen können, aber wir fuhren weiter.
An der polnischen Grenze mussten wir die Berta wieder für eine kurze Inspektion eines Grenzbeamten öffnen. Er schaute sich aber nur kurz um und wünschte uns eine gute Reise. Auch die Autos vor uns mussten alle kurz ihren Kofferraum öffnen. Ob sie hier wohl nach illegal Einreisenden suchen?
Nach der Grenze bekamen wir eine Stunde Zeit geschenkt – wir hatten wieder mitteleuropäische Zeit.
In der Nähe von Augustow hatte Xenia eine Radtour um den Jezioro Biale und durch die Stadt geplant. Dieses Unterfangen sollte sich als ziemliches Fiasko erweisen. Es fing schon damit an, dass wir den geplanten Campingplatz am See nicht anfahren konnten. Eine Rezession in Park4night vom Juli 2026 besagte, dass dieser Platz nur noch für Dauercamper geöffnet hätte und Wohnmobilisten abgewiesen würden. So suchten wir notgedrungen nach einer Alternative und fuhren einen Platz auf der anderen Seeseite an.
Am See war richtig viel los, trotzdem fuhren wir weiter auf einer kleinen, unbefestigte Straße bis zum neu ausgesuchten Platz. Auch dieser war gut besucht, aber wir fanden noch einen freien Platz. Auf diesem warteten wir, bis der Eigentümer des Platzes kam. Dieser erklärte uns, dass der Platz, auf dem wir standen, reserviert sei. Eigentlich war der Campplatz voll, aber wir bekamen noch einen Notplatz bei einer Bootsanlegestelle. Dort richteten wir uns ein und hätten uns damit auch zufrieden gegeben, wenn nicht Jetskifahrer mit einem Höllenlärm den See auf- und abgedüst wären. Wir saßen vor der Berta und waren uns einig: das wollten wir uns nicht antun! Der Platz war wirklich zum Abgewöhnen. Voll, umtriebig, laut und Infrastruktur gab es außer Strom und ein paar Dixi-Toiletten auch keine. Sogar das Baden machte hier keinen Spaß. Wir sprangen zwar noch kurz in den sauberen See, trauten uns aber wegen der rücksichtslosen Jetskifahrer nicht, weiter hinauszuschwimmen.
Zum Glück hatten wir noch nicht bezahlt. So packten wir wieder zusammen und Udo schrieb dem Besitzer eine SMS, dass wir weiterfahren wollen. Das ging auch in Ordnung. Wir fuhren ein paar Kilometer bis nach Augustow und stellten uns dort auf einen Stadtparkplatz bei einem Skaterplatzes in der Nähe der Netta. Ein paar Polen in einem schweizer Wohnmobil waren schon dort und erzählten, dass sie schon die dritte Nacht hier übernachten.
Wir machten uns einen Kaffee mit Brezeln und Croissants und schauten dabei den Kids zu, die sich am Skaterplatz vergnügten. Ein kleines Mädel war auch mit ihren Laufrad dabei und wir mussten an Ida denken. Verglichen mit dem Jetski-Lärm waren die Geräusche von den Kindern reinste Erholung.
Im Anschluss spazierten wir noch eine Runde an der Netta entlang und durch die Stadt. Am Fluss war einiges los, es gab verschiedene Restaurants und endlich wieder Eisdielen! Das polnische Eis war günstig und hat lecker geschmeckt!
Über einen Markt kamen wir zur schönen Herz-Jesu-Basilika, die wir uns auch von innen anschauten.
Udo hatte noch Hunger und kaufte sich einen Burger in einem kleinen Restaurant.
Wir waren eine gute halbe Stunde zurück in der Berta, da kam das angekündigte Gewitter mit starkem Regen. Uns machte das jetzt nichts mehr aus.
Was allerdings sehr störend war, war laute Musik, die um 20 Uhr begann und um 23:30 Uhr immer noch nicht vorbei war. Da muss am Fluss ein Fest stattgefunden haben. Während des Starkregens hörte die Musik auf, setzte aber danach wieder ein. Trotz Ohrstöpseln schaffte es Xenia nicht einzuschlafen. So brachen wir kurz vor Mitternacht nochmals auf und suchten uns ein ruhigeres Plätzchen zum Schlafen. Der erste Versuch, fünf Kilometer weiter am Fluss entlang, schlug fehl. Auch hier war die Musik noch laut zu hören. Erst ein gutes Stück weiter in Autobahnnähe fanden wir am Rand eines Industriegebietes einen Platz, wo wir nächtigen konnten.
Damit wären nun die meisten der 300 Punkte, die Xenia so akribisch vorbereitet hatte, abgearbeitet. Ein paar Dinge haben wir ausgelassen, andere kamen spontan noch hinzu. Abgesehen vom heutigen Frust in Polen können wir auf sehr schöne Tage zurückblicken, die wir in diesem Tagebuch festgehalten haben und an die wir uns gerne und dankbar zurück erinnern.
Wir haben bislang ca. 6.200 km zurückgelegt und das Baltikum von unten nach oben und von oben nach unten durchquert. Wir sind erfüllt von tollen Erlebnissen und freuen uns nun sehr auf unsere Lieben zuhause.
Sonntag, 02.08.2026 – Warschau
Von Augustow bis Warschau – 307 km
Wetter: vormittags bewölkt, nachmittags sonnig – 23 Grad
Auf unserem Mitternachtsplatz konnten wir gut und ungestört schlafen.
Heute begannen wir den Home-Run. Nach einem Tankstopp am Ortsende ging es auf die Autobahn S26 in Richtung Warschau. Der Sonntagvormittag ist auch in Polen eine super Reisezeit. Die ersten Stunden war fast nichts los.
Wir hielten an zwei Rastplätzen an, um dort evtl. unser Campingklo zu entleeren, aber es war Udo zu viel los. Xenia recherchierte und fand heraus, dass es bei Warschau an einer Tankstelle eine kostenlose Camper-Versorgungsstation gab – ein super Service! So brauchten wir uns keine weiteren Gedanken mehr zu machen.
Je näher wir Warschau kamen, umso voller wurde die Autobahn. Stau hatten wir keinen, nur in Warschau jede Menge rote Ampeln. Von grüner Welle haben die Polen wohl noch nichts gehört ...
Nachdem es am Vormittag bewölkt gewesen war, hatten wir in Warschau Sonnenschein und 23 Grad – perfektes Wetter für eine Stadtbesichtigung. Xenia hatte einen Parkplatz bei der Oper ausgesucht, den wir anfuhren. Eigentlich ist er kostenpflichtig, aber nicht am Wochenende.
Als wir um 13:30 Uhr dort ankamen, sah es zuerst gar nicht gut aus. Alle Plätze waren belegt. Fuhr ein Auto weg, war schon ein anderes da, das auf den frei gewordenen Platz spekulierte. Udo fuhr ein Stück auf die Seite und wir überlegten, was wir machen. Der Platz war zudem ziemlich eng für große Fahrzeuge. Für uns kam nur ein Seitenplatz in Frage. Und tatsächlich! Vor Udo fuhr ein Auto weg, dessen Platz wir nehmen konnten. Xenia konnte wieder einmal nur staunen, wie Udo die Berta einparken konnte! So standen wir perfekt für unsere Stadtrunde. Wir hatten auf der Fahrt ein Kilo Kirschen verspeist, daher hatten wir keinen Hunger. Udo legte sich noch 20 Minuten aufs Ohr, dann zogen wir los.
Unsere Runde führte uns zuerst zum Sächsischen Garten, wo uns ein Mann begeisterte, der Wolken von Riesenseifenblasen machte. Das hätte unseren Enkeln sicher auch gefallen! Einige Kinder jagten den Blasen hinterher und ließen sie platzen.
Hier trafen wir auch zum ersten Mal auf eine Chopin-Bank, von denen es 15 Stück in der Innenstadt gibt. Auf Knopfdruck spielen sie kurze Klavierstücke von Chopin ab. Frédéric Chopin verbrachte die ersten 20 Jahre seines Lebens in Warschau, entwickelte dort seine musikalische Identität und betrachtete die Stadt bis zu seinem Tod als seine wahre Heimat. Warschau ehrt seinen berühmten Sohn an verschiedenen Stellen und auf verschiedene Weise.
Weiter ging es, vorbei am schönen Brunnen von Marconiego, zum Piłsudski-Platz und zum Grabmal des unbekannten Soldaten. Es wird rund um die Uhr von zwei unbeweglichen Wachen flankiert. Vor dem Grab brannte ein rituelles Feuer.
Es war 14:30 Uhr, die nächste Wachablösung war um 15 Uhr. So lange wollten wir nicht warten und marschierten weiter zum Warschauer Königsweg. Hier steht ein Prachtbau am anderen: die Akademie der Bildenden Künste, die Universität und die Universitätsbibliothek, prächtige Kirchen, Paläste und Nobelhotels. Ein Gebäude schöner und gewaltiger als das andere.
Eine ganz besonders prächtige Kirche ist die Basilika des Heiligen Kreuzes. Im Innern befinden sich mehrere goldene Altäre. Eher schlicht wirkt dagegen eine Säule, in der das Herz von Chopin eingemauert ist. Es wurde gemäß seinem Willen nach Warschau transportiert und hier beerdigt.
Am Kopernikus-Denkmal kehrten wir wieder um, gingen die Krakowskie Przedmiescie wieder zurück und weiter in die Altstadt. Auf dem Weg liegt noch eine besondere Kirche, die Visitantinnen-Kirche (Kirche der Schwestern der Heimsuchung). Vor ihr steht ein großes Denkmal für Kardinal Stefan Wyszynski.
Vorbei am prächtigen Bristol-Hotel, dem Präsidentenpalast, der Karmeliterkirche und der Johanneskathedrale kamen wir zum besonders schönen Marktplatz.
Der quadratische Platz ist von prachtvollen Häuserzeilen im Stil des Barock, der Renaissance und der Gotik umgeben. Er zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er nach seiner vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg originalgetreu wiederaufgebaut wurde und heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Jedes Haus ist auf seine eigene Art bemalt, aber alles passt zusammen. Im Zentrum des Platzes steht das berühmte Bronzedenkmal der Flussjungfrau mit Schwert und Schild. Sie ist das offizielle Wappen- und Schutzsymbol Warschaus. Auf dem Platz herrschte reges Treiben, die Restaurants und Straßencafés waren gut besucht.
Wir gingen weiter in Richtung Barbakan und kauften uns auf dem Weg ein gutes Eis. Den Softeisangeboten mit riesen Eismengen konnten wir widerstehen, bis wir eine schöne Eisdiele fanden mit sehr leckerem, selbst gemachten Eis.
Der Warschauer Barbakan ist ein halbkreisförmiges Festungstor aus Backstein, das die Warschauer Altstadt (Stare Miasto) von der Neustadt (Nowe Miasto) trennt. Wir passierten ihn, dann machten wir uns entlang der Festungsmauern auf den Rückweg zur Berta.
Dort gab es einen verdienten Kaffee, dann machten wir uns noch einmal auf zum Seifenblasen-Mann im Sächsischen Garten, der tatsächlich noch da war, und zum Grabmal des unbekannten Soldaten. Hier konnten wir jetzt die Wachablösung um 17 Uhr miterleben.
Nun war es Zeit zur Weiterfahrt. Im Westen von Warschau, ganz in der Nähe der Autobahn nach Breslau, fuhren wir zur Camperversorgungsstation einer BP-Tankstelle. Wir konnten wirklich Grau- und Schwarzwasser ablassen und Frischwasser tanken. Außerdem bekam die Berta Diesel von der Tankstelle.
Unser Nachtplatz war nur wenige Kilometer entfernt. Wir nächtigten bei einem Park und einem Spielplatz, auf dem bei unserer Ankunft noch reges Treiben herrschte. Aber im Laufe des Abends wurde der Platz immer leerer.
Nachdem wir mit dem frischen Wasser geduscht hatten, gab es noch ein paar gebratene Würste, warme Käsebrote und einen gemischten Salat zum Abendessen.
Montag, 03.08.2026 – Heimfahrt bis zum Berzdorfer See bei Görlitz
Von Warschau bis Görlitz (Berzdorfer See) – 520 km
Wetter: sonnig, 33 Grad
Heute bestand das Tagesprogramm in erster Linie aus Fahren. Udo hatte kurz nach der polnisch-deutschen Grenze bei Görlitz einen schönen See auf der Karte gefunden, bis zu dem wir kommen und dort übernachten wollten.
Unser von Park4night gelobter Übernachtungsparkplatz in Warschau erwies sich als nicht so ruhig wie versprochen. Die Kinder und ihre Eltern waren bei Einbruch der Dunkelheit verschwunden und es trafen sich hier auch keine jungen Leute. Das war schon einmal sehr positiv! Aber der Platz lag direkt in der Einflugschneise des Warschauer Flughafens und die Straße hinter dem Parkplatz war Baustelle. Schon am Abend hatten wir ein paar Flugzeuge gehört, aber so richtig los ging es um 6 Uhr morgens. Zwischen 6 und 7 Uhr startete ein Flugzeug nach dem anderen. Dann wurde es ruhiger. Dafür kamen um 7:30 Uhr die Bauarbeiter und begannen hinter uns zu baggern. Udo fuhr die Berta auf einen Platz nebenan, wo wir frühstückten.
Vor der Weiterfahrt machten wir noch einen Spaziergang um den schönen Spielplatz herum und ein Stück durch den Park.
Um 8:45 Uhr starteten wir. Die Temperaturen waren mit 23 Grad noch sehr angenehm. Im Laufe des Tages wurde es aber immer wärmer. Die Berta hat keine Klimaanlage, aber mit halb offenen Fenstern ging das Fahren trotzdem noch erstaunlich gut. Wir kamen immer wieder an Temperaturanzeigen auf der Autobahn vorbei, die bis Mittag eine Lufttemperatur von 33 Grad und eine Autobahntemperatur von 48 Grad anzeigte.
Um 12:30 Uhr begannen wir mit der Suche nach einem Mittagsrastplatz im Schatten. Auf allen Autobahnparkplätzen gab es nur Sonne pur. So fuhr Udo an einer Ausfahrt heraus und wir stellten uns in einem kleinen Ort auf einen Parkplatz an der Hauptstraße, der aber von Bäumen beschattet wurde. Es fuhren viele Autos vorbei, aber unser Vesper schmeckte trotzdem und Udo konnte sogar ein paar Minuten schlafen.
Weiter ging es in Richtung Grenze. Nach Breslau staute es auf der Autobahn und google routete uns um. Wir sind ihr gefolgt und fuhren dadurch ein Stück über Land. Polen ist fast nur eben, kaum einmal ein Hügel. Vor der Grenze wurde der Verkehr noch einmal dichter, aber da wir nicht den Autobahngrenzübergang nahmen, blieb uns ein großer Stau erspart.
Im Grenzort Zgorzelec tankten wir noch einmal voll. Der Sprit ist zwar auch in Polen in den letzten Wochen viel teurer geworden, war aber immer noch 25 Cent billiger als in Deutschland.
Am Radmeritzer Grenzübergang waren wir das einzige Fahrzeug. Die Polen waren gar nicht da, die Deutschen wollte unsere Ausweise sehen und wünschten uns eine gute Weiterfahrt.
Wir fuhren noch ein paar Kilometer bis zum Nordende des Berzdorfer Sees südlich von Görlitz. Dort gab es einen Wohnmobilparkplatz, auf dem wir uns für eine Nacht einmieteten. Es gab hier zwar keine Versorgung, aber einen schönen Stellplatz mit direktem Zugang zum See. Hier gab es nur Badegäste und ein paar Schlauchboote, keine Jetskis!
Wie wir beim Baden feststellten, hatte der See wunderbares klares Wasser. Udo meinte, er wäre der sauberste unserer Reise. Wir konnten noch auf den Grund sehen, als wir lange schon nicht mehr stehen konnten. Nach der schwitzigen Autofahrt war das kühle Wasser eine Wohltat!
Langsam kühlte es ab und wir genossen den Abend vor dem Wohnmobil. Udo holte den Campinggrill heraus, so gab es die restlichen Würste nicht aus der Pfanne, sondern vom Grill.
Dienstag, 04.08.2026 – Heimfahrt
Von Berzdorfer See bei Görlitz bis Heroldstatt – 626 km
Wetter: sonnig, 38 Grad
Auch wenn das Wetter zu einem Badetag eingeladen hätte, wollten wir doch nach Hause. Vor dem Frühstück gönnten wir uns noch ein Bad im See. Um 7:30 Uhr war noch nicht viel los, aber drei weitere Schwimmer waren schon im See.
Wir frühstückten vor der Berta, dann verstauten wir unsere Utensilien möglichst „kleppersicher“ für die lange Fahrt. Um 8:45 Uhr kamen wir los.
Die ersten zwei Stunden waren noch sehr angenehm bei 24 Grad. Es war eine Bewölkung aufgezogen, die uns vor der Sonne schützte. Doch als diese weg war und es immer mehr gen Mittag ging, wurde es immer heißer. Die Fahrt war nur mit geöffneten Fenstern auszuhalten, aber dadurch wurde es sehr laut. Wir waren froh, dass wir ohne Stau vorankamen.
Kurz vor Hof fuhr Udo von der Autobahn ab und wir fanden in einem Ort einen Parkplatz unter einem Baum. Dort gab es Mittagessen. Xenia machte ein Rührei mit allerlei Gemüse- und Wurstresten, die wir noch im Kühlschrank hatten.
Danach fuhren wir zügig weiter, da es ohne Fahrtwind kaum auszuhalten war. Die Temperatur war inzwischen auf 38 Grad gestiegen, und das sollte noch eine ganze Weile andauern. Wir schwitzten mächtig vor uns hin, kamen aber recht gut voran. Bis auf einmal etwas stockender Verkehr in einer Baustelle hatten wir freie Fahrt.
Um 16:30 Uhr fuhren wir in Aurach ab, weil es hier einen Autohof mit einer Tankstelle und einem McDonald gab, bei dem wir uns ein Eis und einen Milchshake holen wollten. Das Problem war nur, dass es hier (wie auch auf den Parkplätzen zuvor) keine Schattenplätze gab. Udo fuhr ein bisschen durchs Land, aber wir wurden nicht fündig. Erst, als wir die Suche schon aufgegeben hatten und zurück zur Tankestelle beim McDonald gefahren waren, sah Xenia eine kleine Schattenbucht. Dort stellten wir uns hin und duschten. Wir hatten uns eine Abkühlung erhofft, aber unser Frischwasser war so warm, wie wenn wir es geheizt hätten. Im Tankraum herrschten 42 Grad und eine ähnliche Temperatur muss auch unser Wasser gehabt haben. Wir wuschen uns trotzdem den Schweiß vom Leib, zogen frische, trockene Kleider an, tankten, holten uns beim McDonald Eis und Milchshake und fuhren weiter.
Um 19:00 Uhr kamen wir in Heroldstatt an. Es hatte immer noch 32 Grad. Gisela, Eva und Claudia warteten schon auf uns und hatten ein schönes Vesper vorbereitet. So feierten wir fröhlich unser Wiedersehen. Wir waren froh und dankbar, die Fahrt gut überstanden und heil und gesund wieder zuhause angekommen zu sein.
So ist unsere Baltikum-Reise nach 66 Tagen zu einem guten Ende gekommen. Wir haben viel gesehen, viel erlebt und viel gelernt – und freuen uns schon aufs nächste Berta-Abenteuer!
Mittwoch, 05.08.2026 –
Von bis - km
Donnerstag, 06.08.2026 –
Von bis - km
Freitag, 07.08.2026 –
Von bis - km
Samstag, 08.08.2026 –
Von bis - km

























































































































































































































































































































































































